7. – 10. Schuljahr

Michael Brabänder

Deutsche Frauenbilder im 19. und 20. Jahrhundert

Konstrukte zwischen Konformität und Emanzipation

In der langfristigen Perspektive der letzten ca. 200 Jahre erscheint die Entwicklung der weiblichen Gender-Rolle bzw. des Frauenbilds wie eine wilde Berg- und Talfahrt. Die Lernenden können anhand der Materialien dieses Beitrags deutsche Frauenbilder rekapitulieren und vertiefen, dabei kombinieren und reflektieren sie ihr Sachwissen.
Frauenbilder im Wandel
„Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben []. Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder [].
Geradezu programmatisch bringt Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke das bürgerliche Geschlechterrollenmodell des 19. Jahrhunderts auf den Punkt. Die Familie wurde zunehmend als privat empfunden und schloss sich nach außen ab. In ihr hatte die Frau ihre Wirkungsstätte: fleißig, reinlich, sanft und fügsam hütete sie das traute Heim, während der Mann draußen in der Welt den „Lebenskampf versah (vgl. Bild E).
Ungeachtet der aufkommenden Frauenbewegung in der zweiten Jahrhunderthälfte (Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins im Jahre 1865), erwies sich diese patriarchalische Beziehungsstruktur als sehr zählebig. Auch der Erste Weltkrieg (vgl. Bild D) durchbrach sie nur vordergründig. Dass Frauen in großer Zahl „Männerarbeit etwa in der Rüstungsindustrie übernahmen, war nur ein der Not geschuldetes Arrangement auf Zeit. Wenn die Frauen nach Kriegsende den zurückkehrenden Männern nicht freiwillig wieder Platz machten, sorgten die lokalen Demobilisierungsausschüsse für den nötigen Druck.
Eine dauerhafte Veränderung kam dagegen in der schon seit längerem wachsenden Berufstätigkeit von Frauen im Angestellten-Verhältnis zum Ausdruck: Mitte der 1920er-Jahre gab es dreimal mehr Verkäuferinnen, Sekretärinnen und Bürogehilfinnen als noch 1907. Zwar endete die weibliche Erwerbsphase in der Regel auch weiterhin mit der Eheschließung, sie war also kurz. Dennoch brachte die Weimarer Republik ein neues weibliches Rollenmodell hervor. Die „neue Frau (vgl. Bild A) unabhängig, selbstbewusst, großstädtisch, jung, sportlich, sexuell „befreit wurde zu einer Ikone ihrer Zeit und stand in scharfem, provozierendem Kontrast zum überkommenen bürgerlichen Frauenbild, das gleichwohl parallel verbreitet blieb.
Unter dem Motto „Emanzipation von der Frauenemanzipation vollzog das NS-Regime eine große Volte rückwärts. Mit massivem propagandistischen Aufwand wurden die „Auswüchse der jüngeren Zeit bekämpft und eine Aufwertung der Mutterrolle (vgl. Bild B) inszeniert (Muttertag, Mutterkreuz, Ehestandsdarlehen). Auf das Feld der weiblichen Berufstätigkeit prasselten Verbote nieder. Aufgrund des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels musste das Regime an dem revitalisierten Rollenklischee faktisch aber schon bald wieder deutliche Abstriche machen.
Das restaurative soziale Klima in der frühen Bundesrepublik war dem Wiederaufleben des traditionellen Frauenbilds zuträglich. Selbst das im Juli 1958 in Kraft getretene Gleichberechtigungsgesetz hielt am Leitbild der „Hausfrauenehe fest. Das gesellschaftliche Comment spiegelte sich auch in der Produktwerbung wider. So war die „weiße Frau der Firma Henkel (vgl. Bild C) elegant, gepflegt, gutaussehend und der Hausarbeit zugeordnet.
Dem SED-Regime im anderen Teil Deutschlands ging es aus ideologischen ebenso wie aus wirtschaftlichen Gründen dagegen um die rasche Eingliederung der Frau in den Produktionsprozess (vgl. Bild F). Flankierend wurde rund um den Mutterschutz eine umfassende soziale Infrastruktur etabliert. Dennoch blieb die Hausarbeit auch in der DDR in der Regel den Frauen vorbehalten, und bezüglich Verdienst und Aufstiegschancen standen sie hinter den Männern ebenso zurück wie im Westen.
Didaktischer Hinweis
Das Thema „Frauenbilder und Geschlechterbeziehungen ist in allen Lehrplänen hinterlegt. Ein solcher Längsschnitt kann zudem zur...

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