7. – 10. Schuljahr

Gerrit Dworok

Das Chamäleon

Konzepte der deutschen Nation im Wandel der Zeit

Der Begriff der Nation schwankt wie kaum ein zweiter zwischen Konstruktion und Wirklichkeit. Die historisch-anthropologische Nationsforschung, welche in Benedict Andersons These der „imagined communities (Anderson 2005, S. 15) die wohl prägnanteste Formulierung fand, betont mehrheitlich den konstruktivistischen Charakter des Phänomens Nation. Sie bietet zwar schlüssige Analysemodelle für die Genese und Ausprägung von Nationalismen sowie für die Entstehung der modernen Nationalstaaten im 19. und frühen 20. Jahrhundert, doch gerade für die Epoche der transatlantischen Zeitgeschichte funktionieren diese Modelle nur begrenzt. Dies hat vor allem zwei Gründe.
Was ist eine Nation?
Zum einen bedeutete das Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem Untergang des radikalen (vor allem deutschen) Nationalismus nicht, wie in einigen Modellen angedeutet, das Ende des Nationalstaats zu Gunsten übernationaler Ordnungen. Es ist allenfalls von einer Verschränkung zu reden, die vom Übergang des totalen Nationalstaates hin zum postklassischen Nationalstaat im Geflecht supranationaler Gebilde (NATO, EU) geprägt ist.
Zum anderen übersehen dekonstruktivistische Nationstheorien, welche die Nation als bloße Erfindung der Neuzeit deklarieren, dass das Konzept der Nation bis in unsere Gegenwart hinein reale und politisch relevante Ausprägungen findet. Diese manifestieren sich selbst in einem historisch schwer belasteten Nationalstaat wie der Bundesrepublik Deutschland nicht nur in Traditionen und langlebigen Mythen wie dem Wirtschaftswunder, sondern vor allem in stärker greifbaren Erscheinungsformen: den nationalen Kommunikations- und Arbeitsräumen, nationalen Symbolen (wie Flagge und Hymne), Institutionen (beispielsweise Grundgesetz und Bundeswehr) und nicht zuletzt in der Partizipation an Organisationen wie der UNO und internationalen Wettkämpfen wie die Olympischen Spiele und die Fußballweltmeisterschaften, die dezidiert Nationen zusammenführen wollen (vgl. Abb.2).
Für Deutschland wie auch alle anderen Länder gilt die Tatsache, dass der Nationalstaat kein urwüchsiges Organisationsprinzip und die Nation kein ursprüngliches Kulturmodell sind. Vielmehr handelt es sich um Phänomene der Moderne, die auf dem ambivalenten Verhältnis zur Ideologie des Nationalismus basieren (Borggräfe/Jansen 2007, S. 31). Nationen sind einerseits niemals „fertig und andererseits potenziell endlich. Diese Widersprüchlichkeit lässt sich gerade in Hinblick auf die Zeitgeschichte gut mit dem Begriff der Nationswerdung fassen: Darunter ist ein dynamischer Prozess zu verstehen, der mit der Entstehung eines Nationalstaates nicht abgeschlossen ist, sondern erst dann konkrete Formen annimmt. Dieser Prozess setzt sich so lange fort, wie die Selbstwahrnehmung einer Gemeinschaft als Nation funktioniert, „wie also nationales Denken und Fühlen mehrheitsfähig sind und das Leben einer Gesellschaft (ob nun bewusst oder unbewusst) in der Art beeinflussen, dass ihre Mitglieder sich im nationalen Sinne als politische Gemeinschaft und als kulturelles Kollektiv verstehen. (Dworok 2015, S. 450)
Didaktische Relevanz
Bezogen auf das Unterrichts-Thema lässt sich nun fragen, welche Ideen von der Nation in Deutschland existiert haben, welchen Kontexten diese Konzepte entsprangen und welche politischen sowie sozialen Zielsetzungen zu Grunde lagen. Die didaktische Relevanz ergibt sich nicht bloß aus der Tatsache, dass die Lernenden in einer nationalstaatlich geprägten Welt leben, welche sich im Übergang zu neuen Ordnungs- und Kulturmodellen befindet (Stichwort: Globalisierung). Vielmehr fordert auch die Realität eines Einwanderungslandes schulisches Nachdenken über die Kategorie Nation heraus.
Ein im Längsschnitt organisiertes, multiperspektivisches Lernen die Rekapitulation und Diskussion deutscher Nationsideen von der Zeit der Französischen Revolution bis hin zum...

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