8. – 10. Schuljahr

Dirk Witt

Auch Deutsche wanderten aus und flohen

Ein Gruppenpuzzle arbeitsteiliges und differenziertes Lernen

„Flucht und Migration ist ein dominierendes politisches Thema und bietet sich in besonderer Weise für einen historischen Längsschnitt an (Buntz 2014). Alle Schülerinnen und Schüler besitzen hierzu Vorwissen, teilweise eigene biographische Erfahrungen. Sie haben Einstellungen, fällen Urteile oder übernehmen diese von ihren Eltern (Witt 2016). Der Lerngegenstand ist somit in hohem Maße gesellschaftlich relevant.
Lernende der Sekundarstufe I weisen dem Thema oftmals nur einen Gegenwartsbezug zu. Dass es sich um ein wiederkehrendes Phänomen in der Menschheitsgeschichte handelt und davon auszugehen ist, dass Flucht und Migration auch in der Zukunft eine globale Herausforderung sein werden, ist nur bedingt in ihrem Denkhorizont verankert. Hierin liegt das große Lernpotenzial dieser Unterrichtssequenz.
Flucht und Migration als Längsschnitt
Flucht und Migration als Längsschnitt ist in vielen Jahrgangsstufen und Bundesländern lehrplankonform. Aufgrund der Komplexität der Thematik sollte aber nur ein Teilthema als exemplarischer Lerngegenstand ausgewählt werden. Im vorliegenden Beispiel steht die Leitfrage nach den Ursachen von Flucht- und Migrationsbewegungen in der (deutschen) Geschichte und daraus abzuleitende Schlussfolgerungen für die Gegenwart sowie Zukunft im Mittelpunkt. Dies strukturiert den Lerngegenstand und die Auswahl der Lernmedien (Witt 2011).
Die Leitfrage ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, ihr Vorwissen zu aktivieren, Kenntnisse auszubauen und am Ende des Lernprozesses eine plurale, diskursive Antwort zu geben. Ursachen von Flucht und Migration lassen sich so kategorial erfassen (ökologische, politische, ökonomische, soziale und religiöse Gründe) und bieten ein Vergleichspotenzial (diachroner Vergleich). Dieses Vorgehen unterstützt die individuellen Sinnbildungen bei den Lernenden. Darüber hinaus schult das Unterrichtsvorhaben das Temporalbewusstsein, das Historizitätsbewusstsein sowie die Fähigkeit zur vergleichenden Analyse von Quellen und Darstellungen.
Das Lernmaterial greift ausschließlich exemplarische Fälle der deutschen Geschichte auf. Diese didaktische Entscheidung erfolgt aus Praxiserfahrungen heraus. Sehr oft gehen Lernende davon aus, dass Flucht und Migration ausschließlich andere Völker betrafen oder betreffen, denn im vorausgehenden Sachunterricht bzw. im parallel stattfindenden Politikunterricht werden häufig Fallbeispiele jenseits der Geschichte Deutschlands genutzt.
Das Material zu den drei gewählten Fallbeispielen besteht jeweils aus einem (fiktiven) Erinnerungsbericht, einem Darstellungstext, einer historischen Karte sowie einer Bildquelle. Mithilfe dieser Medien soll einerseits unterschiedlichen Lernzugängen Rechnung getragen, anderseits vernetzendes und konstruierendes Lernen impliziert werden. Da sich die Originalquellen der drei Epochen in ihrem sprachlichen Anspruch stark unterscheiden und um dem Lernalter zu entsprechen, wurden fiktive Erinnerungsberichte auf Grundlage von Textquellen erstellt, die dem Prinzip der Personifizierung Rechnung tragen.
Differenzierungen mithilfe des Gruppenpuzzles
Das Gruppenpuzzle weist eine Vielzahl an Vorzügen für den historischen Längsschnitt auf. Mithilfe der Methode kann ein komplexer, umfangreicher Lerngegenstand kooperativ erarbeitet, verstanden und diskursiv ausgehandelt werden. Gleichzeitig bietet die Methode viele Differenzierungsmöglichkeiten, um der Heterogenität einer Lerngruppe Rechnung zu tragen (Witt 2016).
Im Gruppenpuzzle wird der Lerngegenstand in Teilaspekte aufgeteilt (Methodenblatt siehe Arbeitsblatt 5 ). Das konkrete Unterrichtsbeispiel greift dabei drei Flucht- bzw. Migrationsprozesse auf: Deutsche Ostsiedlung im Spätmittelalter (Material 2A – 2D), die deutsche Auswanderungswelle in Richtung Nordamerika im 19.Jahrhundert (Material 3A – 3D) sowie die Fluchtbewegung aus der DDR vor...

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