10. – 13. Schuljahr

Steffen Barth

Terror als legitimes Mittel zur Durchsetzung der Freiheit?

Ein Vorschlag zur Entwicklung kompetenzorientierter Aufgabensettings

In der aktuellen Debatte über die Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht wird immer wieder betont, dass die Herausbildung von Kompetenzen in erster Linie durch geeignete Aufgaben erreicht werden kann. Dieser Beitrag zeigt, wie ausgehend von einer überschaubaren Materialauswahl ein kompetenzorientiertes und -förderndes Aufgabensetting aus Lernaufgaben entwickelt werden kann. Der Stundenvorschlag orientiert sich hierzu an dem von Peter Gautschi entwickelten Kompetenzmodell, das vier Kompetenzbereiche unterscheidet (s. Abbildung 1 ). Es eignet sich für den Einsatz im Unterricht, weil ihm ein Prozessgedanke historischen Lernens zugrunde liegt, anhand dessen sich ein kompetenzorientiertes Aufgabensetting strukturieren lässt. Von diesem Kompetenzmodell ausgehend, gibt dieser Beitrag Anregungen für die eigenständige Entwicklung kompetenzfördernder Aufgabensettings für die Unterrichtspraxis.
Diese Unterrichtseinheit fördert besonders die „Interpretationskompetenz und die „Orientierungskompetenz (s. Abbildung 1). Dafür wurde die radikale Phase der Französischen Revolution zwischen 1793 und 1794 als Ausgangspunkt gewählt. Sie eignet sich besonders zur Förderung der Bildung eines Sach- bzw. Werturteils, weil sie die Lernenden zu einer Positionierung und Bewertung herausfordert und zur kontroversen Diskussion anregt. Zudem hat der Themenkomplex in Lehrplänen und Unterrichtspraxis einen zentralen Platz und ist Geschichtslehrkräften vertraut. Weil die Quellen aufgrund ihres inhaltlichen Niveaus eine elaborierte „Erschließungskompetenz voraussetzen, ist diese Einheit für die Sekundarstufe II konzipiert.
Materialauswahl
Da Kompetenzen nur an geeigneten Inhalten „ausgebildet, angewandt und differenziert (Bernhardt u.a. 2011, S. 25) werden können, ist zunächst die Materialauswahl entscheidend. Die Karikatur „The Zenith of French Glory The Pinnacle of Liberty von James Gillray kritisiert als wohl „erschütterndste bildliche Darstellung der französischen Blutjustiz (Guratzsch 1986, S. 204) die Entwicklung der Revolution hin zur Terreur und identifiziert als Ursache dafür die Ideen der Aufklärung. Der Auszug aus der Rede Robespierres das zweite Material legt die Gründe für die gewaltsamen Maßnahmen der „revolutionären Regierung offen und rechtfertigt deren brutales Vorgehen gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner der Revolution. Beide Quellen bieten aufgrund ihrer inhaltlichen Komplexität einen gewissen Lernwiderstand, sind für die Lernenden dennoch verständlich. Außerdem erfüllen sie wesentliche Voraussetzungen, um die „Interpretationskompetenz für Geschichte und die „Orientierungskompetenz für Zeiterfahrungen im Unterricht fördern zu können: Auslegungsspielraum und Perspektivität, die eine Stellungnahme der Schülerinnen und Schüler provozieren. Beispielhaft zeigt sich dieses herausfordernde Potenzial der Quellen etwa in der Bildunterschrift „Religion, Justice, Loyalty & all the Bugbears of Unenlightened Minds. Farewell! der Karikatur von Gillray (Material 1 ), der die „Aufklärung gewissermaßen für den Blutrausch der Terreur verantwortlich macht, oder in der Textstelle „Revolution ist der Krieg der Freiheit gegen ihre Feinde bei Robespierre (Material 2 ). Beide Quellen sind historische Deutungsangebote zum revolutionären Prozess, die eine Stellungnahme der Schüler herausfordern und als Ausgangspunkt für eine historische Urteilsbildung dienen können. In Bezug auf Gillray kommen die Schülerinnen und Schüler in erster Linie zu einem Sachurteil über den Zusammenhang zwischen den Gedanken der Aufklärung und der Barbarei der Terreur. Beim Text Robespierres fällen die Lernenden dagegen ein Werturteil, das sich mit der Frage auseinandersetzt, ob man Gewalt anwenden darf bzw. sollte, um die Freiheit zu verteidigen. Gerade bei dieser Thematik...

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