10. – 13. Schuljahr

Martin Cremer

SS-Wachmänner vor Gericht

Eine kompetenzorientierte Lernaufgabe zur Förderung der Werturteilsbildung

Grundidee der Stunde ist eine bewertende Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der Verbrechen einfacher SS-Wachleute in Auschwitz. Eine Perspektivübernahme schärft das geschicht-liche Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler und bereitet die Werturteilsbildung in moralisch-ethischer Hinsicht vor. Die Lernenden werden in die Lage versetzt, sich in einer aktuellen Debatte zu verorten und damit teilzuhaben an gegenwärtiger Geschichtskultur.
Hintergrund
Lange verhinderte die Rechtsprechung in der Bundesrepublik, dass einfache Helfer des Mordens in den Konzentrationslagern zur Verantwortung gezogen wurden. Der Prozess gegen den SS-Wachmann John Demjanjuk 2011 sorgte für eine Neubewertung der juristischen Sicht. Demjanjuk konnte kein individuelles Verbrechen zur Last gelegt werden, trotzdem wurde er wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Daraufhin wurde in einigen Fällen neu ermittelt, so auch gegen den SS-Wachmann Jakob W. Er wurde 2014 in einem Prozess mangels Beweisen freigesprochen, ein anderer SS-Mann, Oskar Gröning, im Juli 2015 zu vier Jahren Haft verurteilt. Die Reaktionen der Angeklagten sind unterschiedlich. Sie reichen von Anerkenntnis zumindest einer moralischen Schuld für die Verbrechen bis zur völligen Ablehnung von Verantwortung.
Didaktische Überlegungen
Die Auseinandersetzung damit, wie das Handeln der SS-Wachmänner aus heutiger Sicht bewertet werden kann, ist sehr bedeutsam. Gegenwärtig findet eine Diskussion darüber statt, wie mit den Taten einfacher SS-Männer in Auschwitz umgegangen werden soll und wie deren Mitverantwortung bei den monströsen Verbrechen in dem Vernichtungslager einzuschätzen ist. Ein großes Medienecho finden die aktuellen Prozesse gegen einige dieser Wachleute.
Motiviert durch einen Zugang auf der Basis eines personifizierenden Verfahrens, das Erinnerungen von Tätern kritisch unter die Lupe nimmt, entwickeln die Lernenden ein eigenes reflektiertes Werturteil. Dazu ist es wichtig, sich in die Lage der Opfer einzudenken. Dies kann jedoch emotional belastend sein. Dagegen hilft eine Konstruktion: Die Jugendlichen übernehmen die Perspektive eines Vertreters der Opfer und können so eine gewisse emotionale Distanz wahren, ohne das Ziel, ein vertiefendes Verständnis zu entwickeln, aus den Augen zu verlieren.
Durch die Bewertung der Verantwortung einfacher Wachleute für die Verbrechen in einem Konzentrationslager wird den Schülerinnen und Schülern deutlicher bewusst, dass jeder Mensch für Vorgänge in seinem Umfeld eine gewisse Verantwortung trägt, die nicht einfach delegierbar ist. So fördert das Unterrichtsthema die individuelle moralisch-ethische Bewusstseinsbildung der Lernenden. Die Wichtigkeit der Grundrechte und des Rechtsstaates als Fundamente unseres Wertesystems werden hier exemplarisch klar. Gleichzeitig erkennen die Jugendlichen, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus und deren Folgen in unserer Gesellschaft sehr präsent und damit für sie von erheblicher Bedeutung sind.
Die Bewertung der damaligen Verantwortung der SS-Wachleute weist unterschiedliche Nuancen auf. Die Schuldfrage kann sowohl juristisch als auch moralisch betrachtet werden. Ein Vergleich unterschiedlicher Sichtweisen von Tätern und ein Blick auf die Einschätzungen von Sachverständigen sowie Aussagen eines Richters ermöglichen den Lernenden eine differenzierte, multiperspektivische Sicht auf die Problematik. Die Aufgaben erlauben unterschiedliche Zugänge, die Raum bieten, sich individuell und gleichzeitig produktiv den Anforderungen zu stellen. Das Unterrichtsarrangement erfüllt damit wichtige Kriterien einer Lernaufgabe (Gautschi 2009).
Unterrichtsdramaturgie
Das Zitat des SS-Wachmanns Jakob W. (Material 1 ), der sich jedenfalls in einem Interview als Bewacher in Auschwitz in keiner Weise als Verbrecher sieht, ist geeignet, das Problem aufzuwerfen, inwiefern...

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