10. – 13. Schuljahr

Peter Adamski

Komplexe Diagnoseaufgabe zum „Fall Foertsch

Messung von Sach- und Werturteilskompetenz

Wenn nicht nur punktuelles Fakten- und Methodenwissen erfasst werden soll, wie dies über diverse Formen des Brainstormings oder anhand von Diagnosebögen bzw. Kompetenzrastern geschehen kann, sind aufwendigere Verfahren notwendig, die ein differenziertes Bild über die individuelle Kompetenzentwicklung zulassen. Sie eröffnen die Möglichkeit, Erklärungs- und Deutungsmuster von Geschichte zu diagnostizieren. Der Aufwand ist dann gerechtfertigt, wenn es bspw. darum geht, in der Qualifikationsphase der Oberstufe das Kompetenzniveau eines neu zusammengesetzten Grund- oder Leistungskurses Geschichte zu diagnostizieren.
Solche Aufgabenformate sollten so konzipiert sein, dass ein anregendes multiperspektivisches Quellenarrangement unterschiedliche Perspektiven auf einen Sachverhalt erkennbar macht, die eine zentrale Voraussetzung eines Sachurteils sind. Darüber hinaus sollten sie eine provozierende oder zugespitzte Aufgabenstellung enthalten, die zu einer (Wert-)Urteilsbildung anregt. Da sich Kompetenzen erst in einer Anwendungssituation zeigen, bedarf es zudem eines narrativen Settings mit jeweils angemessenen Schreibaufträgen.
Kontext der Diagnoseaufgabe
Der „Fall Foertsch konfrontiert die Lernenden mit der Entscheidung der Bundesregierung, den ehemaligen Generalstabschef der „Leningrad-Armee“ – in der Sowjetunion als Kriegsverbrecher verurteilt 1961 zum Generalinspekteur der Bundeswehr zu ernennen.
Alle Schülerinnen und Schüler haben sich in der Sekundarstufe I knapper oder ausführlicher mit dem Zweiten Weltkrieg und ggf. mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion auseinandergesetzt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass intensiver die 900-tägige Belagerung Leningrads behandelt worden ist. Ebenso unwahrscheinlich dürfte eine differenzierte unterrichtliche Problematisierung der Verwendung ehemaliger Wehrmachtsoffiziere im Zuge der Wiederbewaffnung der 1950er- Jahre vorausgesetzt werden. Dies sind die beiden historischen Kontexte, in denen der Fall Foertsch angesiedelt ist.
Für eine Diagnoseaufgabe dieser Art ist es unerheblich, ob fallbezogenes historisches Wissen nicht oder nur rudimentär vorhanden ist. Denn es geht vordringlich darum, dass Schülerinnen und Schüler in einer neuen Anwendungssituation (Transfer) zeigen, über welche Ausprägungen von Kompetenzen sie auf den Ebenen von Sach- und Werturteil verfügen.
Die für den Fall Foertsch gewählte Diagnoseaufgabe lautete:
1. Erstellt ein Gutachten, aus dem hervorgeht, welche Position vertreten wird und wie sie begründet ist. Geht dabei genau auf die Texte ein, zitiert kurze Passagen und erläutert sie mit eigenen Worten.
2. Bewertet in einem Kommentar die Tatsache, dass ehemalige Wehrmachtoffiziere in der Bundeswehr Karriere machen konnten.
Auf der Basis von Auszügen aus Quellen und Darstellungen (Unterrichtseinheit unter https://www.friedrich-verlag.de/sekundarstufe/gesellschaft/geschichte/geschichte-lernen/ als Download zu diesem Heft) zum Konflikt zwischen Bundesregierung und sowjetischer Führung 1961 um die Beförderung eines ehemaligen Wehrmachtsoffiziers zum Generalinspekteur der Bundeswehr konnten die Schülerinnen und Schüler wählen, mit welcher Perspektive sie sich auseinandersetzen wollten. Sie mussten folglich auch nicht alle Materialien bearbeiten. Dennoch bleibt die Diagnose mit dem Umfang einer Doppelstunde ein zeitlich aufwendiges Verfahren.
Der Entscheidung für das Aufgabenformat folgt im zweiten Schritt die Überlegung, wie die konkreten Arbeitsaufträge zu gestalten sind, was im Wesentlichen von der konkreten Lerngruppe und den Interessen der Lehrkraft ausgeht. In diesem Falle handelte es sich um Lernende, die sich für einen Leistungskurs Geschichte interessierten. Da inhaltliche Kenntnisse und methodische Fertigkeiten als sehr unterschiedlich ausgeprägt eingeschätzt wurden, fiel die Entscheidung, über den Arbeitsauftrag 1 eine...

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