9. – 10. Schuljahr

Andreas Michler, Jutta Mägdefrau

„Ihr seid einfach nur feige gewesen!

Arbeitsauftrag zur Förderung von Urteilskompetenz

Anhand eines Arbeitsauftrags wird gezeigt, wie historische Urteilsfähigkeit durch kooperatives Lernen gefördert werden kann. Vorausgesetzt wird eine Unterrichtseinheit zum Thema „Widerstand im Nationalsozialismus, an deren Ende der hier vorgestellte Arbeitsauftrag eingesetzt werden kann. Ein Jugendlicher fällt in der den Arbeitsauftrag einleitenden Erzähl-Vignette ein Werturteil, das von einem falschen Sachurteil verursacht wird. Den Lernenden soll diese Problematik deutlich und die Bedeutung der historischen Perspektivenübernahme für ein triftiges Urteil bewusst werden.
Einziger Gegenstand der Stunde ist eine mehrteilige Aufgabe, die methodisch so gestaltet wird, dass die Prinzipien kooperativen Lernens berücksichtigt werden und starke Schülerorientierung ermöglicht wird.
Didaktische Überlegungen
Ein kompetenzorientierter Arbeitsauftrag zielt auf die Bereitschaft zur Anwendung von Wissen, um ein bestimmtes Problem lösen zu können. Der hier vorgestellte Arbeitsauftrag „Roberts Urteil beginnt mit einer Erzähl-Vignette. Eine fiktive, aber realitätsnahe Unterhaltung mit der Urgroßmutter über ihre Erlebnisse zur Zeit des Nationalsozialismus führt bei ihrem 15-jährigen Urenkel Robert zu einer emotionalen Reaktion und einem Werturteil über die angebliche Feigheit der deutschen Bevölkerung. Roberts Urteil ist von Emotionen geprägt, vor allem aber urteilt er aus seiner Zeit heraus und berücksichtigt nicht die Zwänge und Ängste, unter denen Widerstand im Nationalsozialismus stattfand.
Roberts Urteil soll in der Unterrichtsstunde zum Gegenstand der Reflexion werden. Es geht also nicht darum, ein eigenes Urteil zu fällen, sondern darum, das Urteil eines anderen (Robert) zu bewerten. Insofern handelt es sich bei der Lösung des Arbeitsauftrags um eine Vorstufe zur eigenen historischen Urteilskompetenz. Die Schülerinnen und Schüler können erkennen, dass eine Verurteilung ohne Berücksichtigung des Unterschieds zwischen den heute möglichen Widerstandsformen in der Demokratie und den damaligen Gefahren für Leib und Leben, die sich aus Widerstandsaktivitäten ergaben, dem Anspruch auf Triftigkeit nicht gerecht werden kann.
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont
Argumente für das Sachurteil:
  • Angst vor Repressalien, Gewalt, Folter und Tod;
  • Verhaftungen und Einsperren in Gefängnisse und Konzentrationslager ohne Beachtung rechtstaatlicher Grundsätze;
  • Außerkraftsetzung der Grundrechte, wie freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit etc.;
  • totale Überwachung bis ins Privatleben;
  • Bevölkerungsmehrheit: Anhänger der Nationalsozialisten.
Argumente für das Werturteil:
  • im Grundgesetz verbürgte Grundrechte (z.B. Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, Brief- und Telefongeheimnis, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, Anspruch auf rechtliches Gehör vor Gericht);
  • verbrieftes Recht zum Widerstand, wenn freiheitlich, demokratische Grundordnung gefährdet ist;
  • Freiheit der Presse ➝ Meinungsvielfalt, einfachere und wirkungsvollere Informationsbeschaffung und -verbreitung durch die sozialen Medien (Bsp. „Arabischer Frühling);
  • Aber auch heute: Zivilcourage trotz Absicherung des Rechtstaates bei Widerstand gegen gesellschaftliche und politische Missstände und Fehlentwicklungen (z.B. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ungleichbehandlung, politische Entscheidungen auf internationaler, nationaler, regionaler und lokaler Ebene).
Zu einem triftigen historischen Sachurteil zu kommen, bedarf fundierter Faktenkenntnisse und der Fähigkeit, einen Sachverhalt „aus der jeweiligen Zeit heraus reflektieren zu können. Jugendliche sollen lernen, statt einer egozentrischen Gegenwartsorientiertheit, die Urteile ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge fällt, ein reflektiertes Urteil zu fällen, das die historische Perspektivenübernahme enthält.
SachInformation
SachInformation
Bei Roberts...

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