7. – 10. Schuljahr

Colin Flaving

Der Ost-West-Konflikt 1945 – 1948

Kompetenzorientierte Lernaufgaben

Die Schlüsselrolle von Lernaufgaben bei der Initiierung, Strukturierung und Begleitung historischer Lehr- und Lernprozesse wurde nicht zuletzt im Rahmen der Diskussion über „guten Geschichtsunterricht (vgl. u.a. Gautschi 2011) in den vergangenen Jahren ausdrücklich hervorgehoben. Im Folgenden werden zuerst theoretische Überlegungen bezüglich der Konstruktion kompetenzorientierter Lernaufgaben skizziert, um diese in einem zweiten Schritt exemplarisch am Thema der Entstehung des Ost-West-Konflikts zwischen 1945 und 1948 umzusetzen.
Verpflichtet man sich in Anlehnung an die gängigen geschichtstheoretischen und -didaktischen Überlegungen Jörn Rüsens (2013) und Karl-Ernst Jeismanns (2000) einem Geschichtsunterricht, in dem Kompetenzen historischen Denkens erworben werden sollen, bedarf es geeigneter Lernaufgaben, um diese Form des historischen Denkens gezielt und differenziert anzubahnen und zu fördern (vgl. hierzu auch den Basisartikel in diesem Heft). Die unten in vereinfachter Form abgebildete Matrix verknüpft in Anlehnung an die Arbeiten Peter Gautschis (2011, S. 48 – 54) und der Projektgruppe narratio (Hodel u.a. 2013, S. 122 – 126) Rüsens und Jeismanns Theorien im Zuge der Modellierung eines Kompetenzmodells.
Legt man diese Matrix zugrunde, dann sind kompetenzorientierte Lernaufgaben Ausgangspunkt historischen Lernens in Form einer schriftlich formulierten Leitfrage, die sich auf Quellen und/oder Darstellungen bezieht. Ausgehend von dieser Leitfrage setzen sich Schülerinnen und Schüler im Modus historischen Erzählens mit der Vergangenheit auseinander (Thünemann 2013, S. 146f.). Mithilfe von Teilaufgaben und dem Einsatz von zuvor definierten Operatoren organisieren Lernaufgaben historische Lernprozesse, indem sie einerseits gezielt Teilbereiche historischen Erzählens ansteuern (vgl. in der Matrix: Umgang mit historischen Fragen, Umgang mit historischen Sachverhalten, Umgang mit historischen Sachurteilen, Umgang mit historischen Werturteilen) und festlegen, ob sie primär auf die Anwendung historischer Methoden zur Synthese bzw. Analyse historischer Erzählungen oder auf die Reflexion des Prozesses historischen Erzählens ausgerichtet sind. Der historische Lernprozess ist in der Vertikalen abgebildet und vollzieht sich ausgehend von der Reproduktion historischer Narrationen zum methodisch kontrollierten, selbstständigen historischen Erzählen (Synthese) bzw. Hinterfragen vorliegender historischer Deutungen (Analyse). Dies wiederum schafft die Voraussetzung dafür, dass Schülerinnen und Schüler historisches Denken reflektieren können, um somit Wissen über die den Gesamtprozess historischen Erzählens bestimmenden Faktoren (Konstruktivität, Multiperspektivität, Multikausalität etc.) zu erlangen.
Historische Lernprozesse, die einen reflektierten Umgang mit Geschichte zum Ziel haben, werden erst durch das diskursive „Verhandeln von Wissen über Vergangenheit ermöglicht (Pandel 2013, S. 109 – 111). Demzufolge gilt es in den Aufgaben, Arbeits- und Sozialformen anzulegen, die den Austausch zwischen den Schülerinnen und Schülern im Zuge des historischen Erzählens fördern und strukturieren (vgl. Tabelle 1 ).
Didaktische Überlegungen und Unterrichtsdramaturgie
Die hier vorgestellte Lernaufgabe wurde auf Basis der Matrix „Reflektiert historisch Denken lernen entwickelt und im Rahmen einer empirischen Untersuchung im Geschichtsunterricht erprobt. Sie thematisiert die Entstehung des Ost-West-Konflikts zwischen 1945 und 1948 und ist für die 9. Jahrgangsstufe konzipiert. Im Sinne einer möglichst differenzierten Urteilsbildung wird für diese Lernaufgabe vorausgesetzt, dass zuvor die politischen Systeme der USA und der Sowjetunion nach dem Ersten Weltkrieg, deren Bündnis während des Zweiten Weltkriegs und die steigenden politischen Spannungen im Zuge der Potsdamer Konferenz thematisiert wurden. Auf der Basis von vier...

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