5. – 13. Schuljahr

Manuel Köster

„Ad fontes …“

Schülervorstellungen zur Funktion historischer Quellen am Beispiel der Varusschlacht

Die Arbeit mit Quellen ist für den Geschichtsunterricht unverzichtbar. Nur auf ihrer Basis können die Lernenden erkennen, dass Geschichte keine ein für alle Mal feststehende Ansammlung von „Fakten ist, sondern eine aus einer bestimmten Perspektive, mit einer bestimmten Absicht und auf Grundlage bestimmter Texte verfasste Erzählung. Der Quellenarbeit wird deshalb auch in den Curricula eine Schlüsselfunktion zugeschrieben (vgl. z.B. KLP NRW Gym/Ges. Sek. I, S. 17 – 25). Trotzdem machen Lehrende an Schulen und Hochschulen immer wieder die Erfahrung, dass die Frage, was eine Quelle zur Quelle macht und welche Fragen man an diese richten kann, für Schülerinnen und Schüler wie für Studierende nicht leicht zu beantworten ist. Dieser Eindruck wird durch Befunde empirischer Forschung in der Geschichtsdidaktik bestätigt (vgl. z.B. Langer-Plän 2003, S. 334 – 336; Schönemann, Thünemann & Zülsdorf-Kersting 2010, S. 36 – 39).
Die Geschichtsdidaktik geht davon aus, dass die Vorstellungen, die Schülerinnen und Schüler von den Inhalten, den Prinzipien und Verfahrensweisen eines Faches haben, großen Einfluss auf die Leistungen nehmen, zu denen die Lernenden imstande sind (vgl. z.B. Günther-Arndt 2006). Sind Schülerinnen und Schüler etwa davon überzeugt, „Geschichte sei eine gemeinhin bekannte, autoritativ überlieferte Ansammlung von Fakten, so wird ihnen die Arbeit mit Quellen höchstens als unterrichtliches Ritual, nicht aber als entscheidender Teil eines Erkenntnisprozesses erscheinen.
Für Lehrende ist es daher entscheidend zu wissen, welche Vorstellungen ihre Lernenden von Quellen und ihrer Funktion bei der Konstruktion von Geschichte haben. Die hier zusammengestellten Materialien zur Varusschlacht sollen Lehrkräften ein Instrument zur Verfügung stellen, mithilfe dessen sie diese Vorstellungen diagnostizieren können. Der Fokus der mit diesen Materialien verbundenen Arbeitsaufträge liegt dementsprechend nicht auf der Erarbeitung inhaltlichen Wissens zur Geschichte der römischen Expansion in germanische Gebiete oder der „Hermann-Rezeption des 19. Jahrhunderts. Die Diagnoseaufgaben sind so konzipiert, dass sie ohne detailliertes inhaltliches Vorwissen bearbeitet werden können. Dementsprechend ist der Einsatz der Aufgaben nicht an eine entsprechende thematische Einheit gebunden. Vielmehr lassen sich anhand der Materialien die quellenbezogenen Vorstellungen von Lernenden unterschiedlicher Altersstufen diagnostizieren, auch dann, wenn Arminius gerade nicht „dran ist.
Für diese Unterrichtsstunde erhalten die Schülerinnen und Schüler Quellenmaterial zur Ereignis- und Rezeptionsgeschichte der Varusschlacht. Neben Auszügen aus zwei römischen Geschichtswerken (Velleius Paterculus, Tacitus) sind auch zwei Quellen enthalten, die die Rezeption im Kontext des national bewegten Hermannmythos des 19. Jahrhunderts verdeutlichen (Fichte, Hermannsdenkmal). Zusätzlich enthält der Materialteil drei kurze Erzählungen zur „Schlacht im Teutoburger Wald, die in unterschiedlicher Weise Bezug auf die Quellen nehmen. Während eine Erzählung Arminius im Sinne Tacitus zum „Befreier der Germanen macht, ihn kontrafaktisch zu einem lebenslangen Römerfeind stilisiert und ein zusammenhängendes Germanien impliziert, sieht eine zweite, anachronistische Narration in Arminius den Begründer eines nationalen Unabhängigkeitsstrebens. Hier wird „Hermann im Sinne des 19. Jahrhunderts zu einem Urvater der Deutschen. Eine dritte Geschichte dagegen verweist zwar auf die positive Arminiusrezeption, stellt aber auch den Verbündetenstatus des Arminius heraus und unterscheidet die Ereignis- und Rezeptionsgeschichte explizit voneinander. Der Arbeitsauftrag fordert die Schülerinnen und Schüler auf, zu begründen, welche Erzählung ihnen im Licht der vorliegenden Quellen am plausibelsten erscheint. Die diagnostische Perspektive, die...

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