5. – 6. Schuljahr

Carolin Hestler

Warum sieht dein Nil anders aus als meiner?

Exemplarische Unterrichtssequenz zur synthetischen Kartenarbeit

Das Leben in der Hochkultur des alten Ägypten war stark geprägt vom Nil. Die Zeitgenossen wussten schon vor über 7000 Jahren um dessen Bedeutung. Dies belegen verschiedene Quellen beispielsweise Aufzeichnungen, in denen Beamte die Feldergrenzen für den Fall einer Überschwemmung verzeichneten, oder Gedichte, die sich mit dem Leben am Nil auseinandersetzten.
Das Leben am Nil
Das Siedeln und Arbeiten in der Nähe des mächtigen Stroms war geprägt von Segen und Gefahren: Der Fluss bewässerte einerseits die Felder, ermöglichte eine ertragreiche Landwirtschaft und ernährte durch seinen Fischreichtum die Bevölkerung. Darüber hinaus bot er eine schnelle Fortbewegungsmöglichkeit für Mensch und Baumaterial. Andererseits war der Nil auch ein Risikofaktor. Stets bedrohten Überschwemmungen die Erträge der Felder und die Häuser der Siedlungen. Für die Ägypter war es daher wichtig zu wissen, wann der Fluss wieder über die Ufer treten würde. Sie entwickelten detaillierte Kalender, die mit Hilfe der Sternenkonstellation die Gezeiten berechnen sollten. Auch die Entwicklung einer komplexen Schrift essentiell für das Festlegen von Erträgen, Abgaben und Feldergrenzen im Falle eines Hochwassers oder die Organisation einer Arbeitsteilung führen Forscher auf das Leben am Nil zurück.
All diese Aspekte können in ihrer Komplexität nur schwer Eingang in eine kartographische Darstellung des antiken Lebens am Nil finden vor allem, wenn diese Darstellung durch junge Lernende gestaltet werden soll. Bestimmte Zusammenhänge lassen sich jedoch trotzdem erarbeiten. Vor allem die Auswirkungen auf die Landwirtschaft sowie die Bedeutung des Nils als Transportweg sollten mithilfe von Linien, Pfeilen oder Symbolen darstellbar sein und nachvollziehbar gemacht werden. Beispielsweise erklärt sich die Anhäufung von Pharaonen-Grabstätten oder Siedlungen entlang des Flusses durch diese beiden Faktoren.
Didaktische Überlegungen
Die hier vorgestellte Methode für den Anfangsunterricht lässt sich bei entsprechendem Vorwissen grundsätzlich auf viele historische Themen anwenden und ist mit unterschiedlichen Ausgangsmaterialien denkbar. Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei, Informationen aus verschiedenen Darstellungen in eine Karte zu übertragen. Außerdem trägt die Übung zur Orientierungskompetenz bei, da geographische Bedingungsfaktoren menschlichen Handelns deutlich gemacht werden können. Gleichzeitig erfahren die Lernenden durch einen Vergleich ihrer Arbeiten im Klassenverband, dass Karten zu einem bestimmten Thema nicht identisch, sondern ganz unterschiedlich sein können je nachdem, welche Entscheidungen der Kartenautor bei der Erstellung seiner Karte trifft.
Da den Schülerinnen und Schülern Geschichtskarten im Anfangsunterricht zumeist noch weitgehend unbekannt sind, müssen sie sich an das „neue Medium gewöhnen. Die Unterrichtsidee legt dafür einen Schwerpunkt auf die Erarbeitung der Kennzeichen einer Geschichtskarte. Dazu gehört das Formulieren eines aussagekräftigen Titels (mit Thema, geographischem Ausschnitt und Zeit) und das Erstellen einer unterstützenden Karten-Legende.
Kartendidaktischer Schwerpunkt
Um eine dreidimensionale Realität auf ein zweidimensionales Kartenblatt zu übertragen, müssen Daten gesammelt, ausgewertet, ausgewählt, aufbereitet und geeignete Darstellungsformen gefunden werden. Erstellen die Schülerinnen und Schüler selbst eine Karte, müssen sie die Daten auf ihre Relevanz bezüglich des darzustellenden Themas überprüfen, gruppieren und grafische Gestaltungsmittel wie Linien, Punkte, Schrift, Signaturen, Flächen und Farben verwenden.
Dabei wird ihnen bewusst, dass Karten kein Abbild der Realität sein können, sondern vielmehr eine Konstruktion dieser Realität sind. Karten können nicht die Wirklichkeit abbilden. Eine dreidimensionale Welt in ein zweidimensionales System zu...

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