9. – 13. Schuljahr

Steffen Barth/Thomas Maldener

Kampf der Karten?

How to lie with maps der „Atlas zur Geschichte aus der DDR als Beispiel für eine Analyse von Geschichtskarten zur Zeit des „Kalten Krieges

Geschichtskarten vermitteln den Anschein der Objektivität und strahlen eine Autorität aus, die Lernende häufig unkritisch anerkennen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass Geschichtskarten vielfach politisch-propagandistische Absichten transportieren.
Der „Atlas zur Geschichte
Ein Beispiel hierfür sind die Karten des zweibändigen „Atlas zur Geschichte, der ab 1973 in der DDR erschien. Er stellte die Entwicklung der Menschheit von der Frühzeit bis in die damalige Gegenwart hinein dar. Ziel des Atlas war laut Vorbemerkungen , „mit Hilfe der Geschichtskarte die Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung, vor allem die gesetzmäßige Aufeinanderfolge der Gesellschaftsformationen in der Geschichte und davon ausgehend den gesetzmäßigen Vormarsch und Sieg des Sozialismus [zu] veranschaulichen (Atlas zur Geschichte 1973). Das Werk folgte der marxistischen Geschichtstheorie, die Karten sollten im Wettstreit der Systeme die eigenen Bürger von der Überlegenheit des Sozialismus überzeugen.
Die Auswahl der Themen macht das deutlich, da wirtschafts- und sozialgeschichtliche Aspekte einen breiten Raum einnehmen. Noch deutlicher zeigt sich die Intention in den Karten, die sich auf den „Faschismus als ideologischen Hauptfeind beziehen, sowie in den Karten, die die Zeit nach 1945 also den Kalten Krieg darstellen. Im skizzierten Stundenvorschlag sollen die Schülerinnen und Schüler am Beispiel einer Karte aus dem „Atlas zur Geschichte lernen, dass Geschichtskarten Interpretationen von Geschichte darstellen und in propagandistischer Absicht genutzt werden können, um politische Ziele zu erreichen. Die Unterrichtseinheit soll die Lernenden dazu befähigen, Geschichtskarten kritisch analysieren zu können und als Quelle zu begreifen. Denn, so schreibt Michael Sauer, „[dass] Geschichtskarten historische Sachverhalte nicht einfach ‚objektiv zeigen, sondern sie zugleich auch deuten, ist für Schülerinnen und Schüler eine wichtige Einsicht (Sauer 2015, S. 246).
Materialauswahl
Wie Karten mit propagandistischen Absichten konzipiert werden, erklärt der amerikanische Geographie-Professor Mark Monmonier in seinem Buch How to lie with maps: „Um die Botschaft der Karte nach seinen Vorstellungen zu gestalten, betont der Propagandist Merkmale, die seinen Zielen förderlich sind, und unterdrückt solche Informationen, die ihnen zuwiderlaufen. Provokative und auffällige Symbole verleihen seiner Argumentation Nachdruck. (Monmonier 1996, S. 123)
DDR-Karte
Diese Merkmale lassen sich in der DDR-Karte zum Vietnam-Krieg nachweisen (Arbeitsblatt 1). Sie trägt den Titel „Der antiimperialistische Befreiungskampf der Völker Vietnams, Laos und Kambodschas gegen die amerikanische Aggression von 1964 bis 1970. Hier lässt sich bereits die Deutung des Konflikts aus sozialistischer Sicht deutlich erkennen.
Die Legende der Karte bezeichnet die militärischen Aktionen der USA durchgehend als „Aggression, während für die Gegenseite der Begriff „antiimperialistischer Befreiungskampf verwendet wird. Symbole für Militär fehlen bei der Darstellung der nordvietnamesischen Aktivitäten fast völlig. Diese für sozialistische Propaganda typische Interpretation stellt die USA als militaristisch-imperialistische Macht dar. Die Karte und der begleitende Informationstext betonen, dass die Provokation des US-Zerstörers „Maddox Anfang August 1964 Anlass für die Eskalation des Krieges war.
BRD-Karte
Einen Vergleich ermöglicht die zweite Karte aus einem westdeutschen Geschichtsbuch zum gleichen Thema (Arbeitsblatt 3). Sie trägt zwar keinen Titel, setzt aber ebenfalls eigene deutende Schwerpunkte. Sie stellt das Eingreifen der USA viel reduzierter dar, amerikanische Bombardements sind überhaupt nicht gekennzeichnet. Die Legende...

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