5. – 13. Schuljahr

Sven Neeb

Digitale Geschichtskarten Potenziale und Probleme

Eine exemplarische Betrachtung der interaktiven Karte „Zweiter Weltkrieg in Europa in der Wikipedia

In der Fachliteratur werden die Potenziale von digitalen Geschichtskarten für das Historische Lernen überwiegend positiv beurteilt. Vor allem praktische und haptische Vorteile werden genannt: Digitale Formate ermöglichen eine einfache Speicherung und Verwaltung großer Kartenbestände, auf die bei Vorhandensein einer entsprechenden IT-Infrastruktur auch während des Geschichtsunterricht flexibel zurückgegriffen werden kann. Weiterhin können digitale Geschichtskarten von Lehrenden und Lernenden mit verschiedener Softwarelösungen vergleichsweise einfach und kostengünstig bearbeitet und modifiziert werden.
Waldemar Grosch sieht einen entscheidenden didaktischen Gewinn in der Möglichkeit, „animierte digitale Geschichtskarten zu verwenden oder im Geschichtsunterricht zu erstellen: „Früher war eine historische Entwicklung auf der Karte nur statisch darstellbar; []. Nun jedoch ist eine echte Dynamisierung möglich; Gebietsveränderungen (‚Ausbreitung des Römischen Reiches), Bewegungen (Itinerare, Entdeckungsreisen, Feldzüge), Bündnissysteme usw. lassen sich in der zeitlichen Nachfolge nacheinander betrachten. (Grosch 2012: 142)
Die sinnvolle Implementierung von Geographischen Informationssystemen (GIS) bietet nicht nur Potenziale für den klassischen Fachunterricht Geschichte, sondern insbesondere auch für das fächerübergreifende Lernen in integrativen Unterrichtsformen. So schlägt Markus Igel vor, auf der „Grundkarte Europas von 1933 zunächst einen Kartenlayer abzubilden, der die sich ändernde Ausdehnung des nationalsozialistischen Herrschaftsbereichs visualisiert, um diesen mit einem zusätzlichen Layer zu verbinden, der die Deportations- und Opferzahlen darstellt. Hierdurch sollen die Zusammenhänge zwischen militärischer Expansion und der Etablierung des Verfolgungs- und Vernichtungssystems der Nationalsozialisten aufgezeigt werden (vgl. Igel 2017: 269).
Die interaktive Karte „Zweiter Weltkrieg in Europa
Die interaktive Geschichtskarte „Zweiter Weltkrieg in Europa liegt in digitaler Codierung als animierte GIF-Datei vor und wird seit 2005 in der Wikipedia zur Illustrierung des Verlaufs des Zweiten Weltkriegs in Europa verwendet. Es handelt sich um eine dynamische Synthesekarte (vgl. Böttcher 2011: 192). Sie visualisiert primär die militärisch bedingten geographischen Verschiebungen der Herrschafts- und Einflusssphären der Kriegsparteien und der neutralen Staaten auf dem europäischen Kontinent in monatlicher Abfolge, wobei interessanterweise der Zeitraum von August 1939 bis Juni 1945 dargestellt wird.
Problematisch ist die optisch nicht erkennbare Unterscheidung von Landesgrenzen und großen Flüssen, was nicht nur für Schülerinnen und Schüler verwirrend sein kann. Zudem werden völkerrechtlich legitime Staatsbezeichnungen und nationalsozialistische Territorialtermini (Ostland, Generalgouvernement) weder unterschieden noch kontextualisiert. Weiterhin bietet das verwendete Dateiformat keine Möglichkeit die Endlosschleife zu unterbrechen, um eine bestimmte historische Situation genauer in den Blick nehmen zu können. Trotz dieser Einschränkungen wurde die Karte nur selten geringfügig modifiziert und in der deutschsprachigen Wikipedia als Qualitätsbild gewertet. Zudem ist sie in fremdsprachigen Wikipedia-Versionen weit verbreitet, was als zusätzlicher Akzeptanzindikator gewertet werden kann.
Einsatz im Unterricht
Die Geschichtskarte ist trotz der skizzierten Defizite für den Einsatz im Geschichtsunterricht geeignet, da sowohl Vor- als auch Nachteile des digitalen Mediums exemplarisch analysiert und diskutiert werden können. Weiterhin kann die Karte aufgrund der verwendeten Lizenz (Creative Commons 3.0) als Grundlage für eine komplexere Auseinandersetzung mit dem behandelten Gegenstand dienen, indem weitere historische Sachverhalte...

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