9. – 10. Schuljahr

Carolin Hestler

Der Versailler Vertrag

Friedensvertrag oder „Wehrlosmachung Deutschlands? Eine Analyse von Propagandakarten in Geschichtsschulbüchern 1932 – 1943

Die Bestimmungen des Versailler Vertrags gehören zu den Standardthemen im deutschen Geschichtsunterricht. Wie in späteren Jahren an den Vertrag erinnert wurde und vor allem wie mithilfe von Karten die Denkweise über den Versailler Vertrag gezielt beeinflusst wurde, ist allerdings nur selten Gegenstand der Überlegungen.
Ziel dieses Beitrags ist es, in einer Doppelstunde die Rezeptionsgeschichte des Vertrags anhand von Propagandakarten in Geschichtsschulbüchern nach 1933 erfahrbar zu machen und dabei die Perspektivität von historischen Geschichtskarten offenzulegen. Lernende können bei der Analyse des Materials erkennen, dass die Kartendarstellungen immer abhängig sind von der Zeit, in der sie entstanden sind. Darüber hinaus lernen sie Methoden der Manipulation von Karten kennen. Sie begreifen damit historische Geschichtskarten als Quellen ihrer Entstehungszeit und können Bezüge zu Manipulationsmöglichkeiten von gegenwärtigen Karten herstellen.
Kartendidaktische Überlegungen
Karten sind Konstruktionen der Wirklichkeit, die auch von den zugrunde liegenden Informationen und den technischen Möglichkeiten ihrer Entstehungszeit abhängen. Durch ihre Aura und die Alterität signalisieren historische Karten den Schülerinnen und Schülern ihren Quellencharakter, den diese meist erkennen. Wie aber sieht es mit Geschichtskarten in Schulbüchern aus? Zeigen diese nicht die „unverfälschte Wahrheit? Um das Bewusstsein für den Konstruktcharakter aktueller Geschichtskarten zu schärfen, sollen im vorliegenden Unterrichtsbeispiel zunächst historische Geschichtsschulbuchkarten untersucht werden. Die dort gewonnene Erkenntnis der Manipulationsmöglichkeiten von Karten kann anschließend auch auf heutige Schulbuchkarten angewendet werden.
Da die Karten den Blick der NS-Zeit auf das Ende des Ersten Weltkriegs transportieren, ist die Unterrichtsidee in erster Linie im Themenbereich „Nationalsozialismus anzusiedeln. Die Bedingungen, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten, sowie dessen Verlauf und das Ergebnis der Friedensverhandlungen von Versailles sollten den Schülerinnen und Schülern bereits bekannt sein. Dazu gehören sowohl die Auswirkungen des Krieges auf Frankreich und Deutschland als auch die Bedingungen des Friedensvertrags und deren Bedeutung für die Kriegsteilnehmer.
Bedingungen des Friedensvertrags aus deutscher Sicht
Bedingungen des Friedensvertrags aus deutscher Sicht
Das NS-Schulbuch als Quelle
Im Fokus des Unterrichts steht nicht der Inhalt der Karten. Es geht vielmehr um Karten als Präsentationsmedium. Die zeitliche Bedingtheit des Propagandamaterials „Historische Geschichtsschulbuchkarte wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die ersten NS-Schulbücher erst als Folge der neuen Lehrpläne 1938/39 (Oberschulen und Gymnasien) bzw. 1941/42 (für Mittelschulen) eingeführt wurden. Da die Verlage schon im Vorfeld Überarbeitungen von Schulbüchern publizieren mussten und unklar war, welche Ziele die nationalsozialistische Geschichtsdidaktik verfolgen sollte, orientierten sie sich zumeist an dem einzigen verfügbaren Werk von Dietrich Klagges „Geschichtsunterricht als nationalpolitische Erziehung. Ohne jemals Geschichte studiert zu haben, legt Klagges im Detail die Grundlagen eines nationalsozialistischen Geschichtsunterrichts dar.
„Objektiv ist, wer deutsch ist
Für Schulbuch-Karten sollte laut Klagges folgender Grundsatz gelten: „Objektiv ist, wer deutsch ist. (Klagges 1938, S. 115) Diese einseitige Perspektive war notwendig, um das teleologische Geschichtsbild der Nationalsozialisten zu belegen. Demnach galt der Führerstaat als die Erfüllung einer geschichtlichen Entwicklung. Die NS-„Bewegung, die sich als den Schützengräben „entstiegen betrachtete, wies dem Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle zu. Der Krieg und der vermeintliche...

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