7. – 8. Schuljahr

Carolin Hestler

Absolutistische Fürstensitze als Ausdruck einer Herrschaftsidee

Bauweisen und deren Bedeutung anhand von Schlossplänen erklären

In vielen Regionen Deutschlands existieren noch heute absolutistische Fürstensitze. Warum errichteten sich regionale Herrscher damals solche Bauten? Wie müssen sie auf die Menschen gewirkt haben? Warum ähneln sich die Grundrisse der Schlösser? Welche Funktion erfüllte ihre Bauweise? Diesen Fragen möchte die Unterrichtssequenz nachgehen. In der Rolle eines „Architekten erläutern die Lernenden dabei auf Grundlage ihres Vorwissens zum absolutistischen Staat und mithilfe weiterführenden Informationen die Gedanken hinter exemplarischen Schlossplänen. Dabei gelangen sie zu der Erkenntnis, dass die Bauweise als Spiegelbild absolutistischer Vorstellungen von Herrschaft und Staat angesehen werden kann.
Herrschaftssitze als Spiegelbild der Gesellschaftsstruktur
Als Vorbild der europäischen absolutistischen Schlossanlagen gilt das unter Ludwig XIV. ausgebaute Schloss von Versailles und dessen Hofhaltung. Ausgehend vom zentralen Schlafzimmer des Königs, ergaben sich symmetrisch angeordnet die Flügel mit Wohnräumen für die männlichen bzw. weiblichen Angehörigen der Herrscherfamilie. In weiter entfernten Bereichen der Anlage befanden sich die Gemächer der einflussreichsten Adligen des Landes.
Norbert Elias stellte in den 1930er-Jahren die These auf, dass Versailles als „goldener Käfig fungierte. Die Adeligen sollten eingebunden in das ausgeklügelte Hofzeremoniell und mit scheinbar bedeutenden Aufgaben versehen keine Möglichkeit haben, sich um die Verwaltung ihrer Ländereien zu kümmern (Hoppe 2003, S. 34f.). Diese These ist heute umstritten. Man geht vielmehr davon aus, dass die Adligen eine „stark vom Hof beeinflusste Eigenständigkeit (Freist 2008, S. 47) hatten. Das bedeutet, dass durch das Hofzeremoniell eine Hierarchisierung innerhalb des Adels stattfand. Freizeitbeschäftigungen, Feste, allerlei Prunk und Vorrechte wie die Befreiung von Steuern hielten den noblen Stand bei Laune. Die Anwesenheit des Adels in Versailles steht symptomatisch für eine zunehmende Zentralisierung von Verwaltung und Regierung in Frankreich.
Insgesamt umfasste der Hofstaat ungefähr 15000 Menschen. Für die täglichen Feste, die Präsentation des Prunks, die Pflege der riesigen Gartenanlage und die Demonstration von Macht war eine Vielzahl an Dienern, Zulieferern, Handwerkern und Künstlern notwendig. Diese lebten in nahe gelegenen Siedlungen. So stieg die Bevölkerung von Versailles auf bis zu 100000 Menschen an, die vom Hof abhängig waren.
Das Selbstverständnis des Herrschers zeigte sich an der Anordnung des Gartens mit möglichst„unnatürlichen und symmetrischen Formen. Der König zeigte so, dass er nicht nur die Menschen beherrschte, sondern auch die Natur. Auch beim Anblick des Schlosses muss es Zeitgenossen die Sprache verschlagen haben. Etwas Vergleichbares hatte es zu dieser Zeit noch nicht gegeben. Für Besucher des 17. Jahrhunderts muss diese Anlage, die zur Gartenseite hin 570 Meter misst, gewirkt haben, als sei sie nicht von Menschenhand erbaut worden. Das Schloss wirkte einschüchternd, beeindruckend und erfüllten die Menschen mit Ehrfurcht vor der Leistung und der Macht des Verantwortlichen.
Kartographische Überlegungen
Grundrisse oder Schlosspläne können im weitesten Sinne als Karten bezeichnet werden. Sie zeichnen sich durch einen besonders großen Maßstab aus, geben diesen aber selten an. Trotzdem handelt es sich bei Grundrissen um maßstabsgetreue Abbildungen von geplanten oder realisierten Bauten. Sie zeigen Gebäude aus der Vogelperspektive und bieten eine Übersicht über Räumlichkeiten und Ausmaße, die dem Besucher auf den ersten Blick verschlossen bleiben. Damit eignen sie sich besonders gut, um Vergleiche zwischen Gebäudeteilen, Bauweisen oder Funktionen von Räumen zu verdeutlichen. Dass solche Aufnahmen nur einen räumlichen und zeitlichen Ausschnitt zeigen,...

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