10. – 13. Schuljahr

Helene Albers

Vom zivilisierten zum fundamentalistischen Orient?

Die Darstellung des Islams im Spielfilm „Der Medicus

Religiöse Toleranz, interkultureller Austausch zwischen „Orient und „Okzident und wissenschaftliches Erkenntnisstreben jenseits religiöser und kultureller Schranken das sind die großen Themen, denen sich der historische Spielfilm „Der Medicus widmet.
Der Spielfilm „Der Medicus
Auf der Basis des gleichnamigen Roman-Bestsellers von Noah Gordon (USA 1986) erzählt der Film die fiktive Geschichte des Waisenjungens Rob Cole, der im England des 11. Jahrhunderts von einem fahrenden Bader in die vergleichsweise primitive christlich-abendländische Volksmedizin eingeführt wird und dann zur Vervollkommnung seiner Heilkünste ins persische Isfahan reist, um dort Schüler des berühmten Arztes Ibn Sina zu werden. Die Darstellung des Arztes basiert auf dem historischen Abu Ibn Sina (latinisiert Avicenna, ca. 980 – 1037), und auch die Figur des Schahs orientiert sich an einem historischen Vorbild, das des Schahs Ala-ad-Daula, der Persien von 1007 – 1041 regierte, dabei den Gelehrten Ibn Sina förderte und zu seinem Wesir machte.
Im Jahr 1051 wurde Isfahan zur Hauptstadt des Seldschukenreiches. Dieses Ereignis wird für die Leinwandproduktion in die Lebenszeit Ibn Sinas vorverlegt, womit im Film das wissenschaftsfreundliche, friedliche Zusammenleben der Religionen und Kulturen in der Gelehrtenschule Isfahans jäh endet. Rob kehrt nach England zurück, wo er das Erbe des Medicus Ibn Sina fortführt. Rein fiktiv ist die verbotene Leichenöffnung, die Rob im Film zum Zwecke seiner anatomischen Studien vornimmt und um derentwillen er und Ibn Sina zum Tode verurteilt werden. Ebenfalls abweichend von den historisch belegten Fakten ist, dass Ibn Sina am Ende des Films, als die fundamentalistischen Mullahs sein Lebenswerk zerstören, Selbstmord begeht.
Didaktische Überlegungen
Eines der wichtigsten Ziele des Geschichtsunterrichts in der Sekundarstufe II ist die mündige Teilhabe an Debatten der Geschichtskultur. Historische Narrationen in geschichtskulturellen Produkten wie Spielfilmen oder Romanen zu prüfen bzw. zu dekonstruieren, ist für Schülerinnen und Schüler nicht nur besonders motivierend, sondern leistet auch einen wichtigen gegenwarts- und zukunftsbezogenen Beitrag zur Förderung der historischen Orientierungskompetenz. Die Darstellung des Islams im historischen Spielfilm „Der Medicus zu untersuchen und dabei womöglich einseitig „westliche, ahistorische und islamkritische Stereotype zu hinterfragen, versetzt Lernende in die Lage, an einem sehr aktuellen Grundkonflikt die Konstruktion des „Anderen in der Geschichtskultur und die eigene Wahrnehmung kritisch zu reflektieren.
Die „Stiftung Lesen hat im Internet didaktisches Impulsmaterial zur Verfügung gestellt (www.derlehrerclub.de/projekte/sekundarstufe/medicus), auf das für eine ausführlichere Behandlung des Films zurückgegriffen werden kann. Zu kurz kommt dort allerdings die Förderung der gerade in der Sekundarstufe II so wichtigen geschichtskulturellen Kompetenz bzw. der Dekonstruktions- und Orientierungskompetenz. Das hier vorgestellte Unterrichtsvorhaben zielt darauf ab, den historischen Spielfilm als Geschichtsdarstellung mit einer bestimmten Wirkungsabsicht zu begreifen, d.h. auf einer ideologiekritischen Ebene danach zu fragen, welche Geschichten erzählt und welche Botschaften sowie Gegenwartskommentare übermittelt werden. Die Frage, wie der Islam und wie Muslime dargestellt werden, steht hier im Mittelpunkt. Diese Fragestellung lässt sich auch anhand der Analyse weiterer historischer Spielfilme vertiefen, die ebenfalls den mittelalterlichen „Kulturkontakt zwischen „Orient und „Okzident behandeln, beispielsweise der Film „Königreich der Himmel, der die Kreuzzugsthematik behandelt (vgl. Geschichte lernen 158/2014, S. 22 – 28).
Der Bezug zu historiografischen Narrationen vom zweigeteilten Mittelalter kann hier exemplarisch...

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