5. – 13. Schuljahr

Jürgen Möller

Verlorene Aufklärung?

Ulugh Beg und das Observatorium von Samarkand

„Die Religionen zerstreuen sich wie Nebel, die Zarenreiche zerstören sich von selbst, aber die Arbeiten des Gelehrten bleiben für alle Zeiten. Das Streben nach Wissen ist die Pflicht eines jeden!
Dieses Zitat wird Ulugh Beg zugeschrieben und charakterisiert am besten die Relevanz, die eine Beschäftigung mit diesem in Europa nach wie vor relativ unbekannten zentralasiatischen Herrscher für heutige Schüler haben kann. So berief sich etwa der heutige Bundespräsident und damalige Außenminister Frank Walter Steinmeier bei einer Konferenz mit zentralasiatischen Staaten 2007 in Berlin ausdrücklich auf Ulugh Beg, als er dazu aufrief, „den Zugang der Menschen zu Bildung und Ausbildung zu verbessern, die Bildungssysteme zu modernisieren und den akademischen und wissenschaftlichen Austausch zwischen Zentralasien und der EU auszubauen.
Ulugh Beg als Symbolfigur für einen aufgeklärten Islam
Im öffentlichen Bewusstsein wurde der Timuriden-Fürst Ulugh Beg ebenso wie der persische Arzt Ibn Sina (s. Beitrag von Helene Albers) – somit zunehmend zu einer Symbolfigur für einen wissenschaftsfreundlichen, „besseren Islam. Ziel dieser Unterrichtssequenz ist es, auf altersgemäße Weise zu entdecken, inwiefern Ulugh Beg tatsächlich dem westlich geprägten Bild eines wissensdurstigen, fast aufgeklärten Herrschers entsprach.
Allgemein gilt die Epoche der mongolischen Invasionen, die mit dem ersten Großkhan Dschinghis Khan im 13. Jahrhundert begann und von Timur dem Lahmen (auch Tamerlan genannt) im 14. Jahrhundert fortgesetzt wurde, als eine Zeit des Verfalls der islamischen Hochkulturen. Die Eroberung Bagdads durch die mongolischen Stämme im Jahre 1258 wird häufig sogar zum Epochenjahr erklärt, mit dem der Niedergang der gesamten islamischen Welt eingesetzt haben soll. Eine solche Sichtweise verkennt jedoch, dass die Mongolenstürme zwar den Untergang des Bagdader Kalifats besiegelten, zugleich aber zu einer Verlagerung des Zentrums der islamischen Welt in Richtung Zentralasien führten, die schließlich in der Etablierung der Mogulreiche in Indien mündete.
Eine Deutung dieser Epoche als Zeit des Niedergangs läuft also fehl, obwohl die Strahlkraft des islamischen Kulturkreises langsam nachzulassen begann. Dies gilt insbesondere für die zweite mongolische Eroberungswelle unter Timur dem Lahmen (1337 – 1405), der mit grausamen Methoden ein riesiges Reich in Zentralasien mit Samarkand als Hauptstadt eroberte. Trotz der zentrifugalen Kräfte, die den nomadischen Reichsbildungen seit jeher innewohnte, gelang ihm die Etablierung einer Dynastie, den Timuriden, zu deren Erbteil ständige Thronwirren gehörten. Zudem war das Reich Timurs wirtschaftlich auf den Zufluss von Beute aus den eroberten Gebieten angewiesen und entfaltete nur eine geringe wirtschaftliche Dynamik. Dennoch gelangte in diesem eher instabilen Herrschaftsgebilde die Wissenschaft der islamischen Welt noch einmal zur Blüte, und zwar in der Person des hier thematisierten Ulugh Beg (1394 – 1449).
Als Enkel Timurs war sein Weg an die Macht in gewisser Weise vorgezeichnet, obwohl sich die Enkel-Generation in ihrer Konsumorientierung, aber auch in ihrem kulturellen Interesse deutlich von ihrem Großvater unterschied. Dieser Zwiespalt durchzog wie ein roter Faden das Leben Ulugh Begs: Auf der einen Seite agierte er (oft glücklos) als Politiker, der sich an der Macht behaupten musste, auf der anderen Seite widmete er sich ausgiebig seinen künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen, die in der Gründung seiner Hochschule und des gewaltigen Observatoriums (Material 1) gipfelten. Auffallend ist, dass Ulugh Beg sich selbst an den von ihm initiierten Forschungen beteiligte.
Die auf Empirie basierende, die Arbeiten des antiken griechischen Astrologen Ptolemaios zwar nutzende, aber wo immer möglich durch Experimente überprüfende Vorgehensweise stellte einen Bruch mit bisherigen Methoden...

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