5. – 13. Schuljahr

Dietmar von Reeken/Malte Thießen

Islamische Welten

Gesellschaftliche Herausforderungen, historische Erkenntnisse und didaktische Perspektiven

Problemorientierter geht es kaum: Seit Jahren streiten die Deutschen über „den Islam, der in Debatten meist als Problemfall behandelt wird. Islamistische Terroranschläge, die Unterdrückung von Frauen oder das Bauen von Moscheen in deutschen Städten sind nur einige der Dauer-Aufreger, dank denen der Islam immer wieder auf die Tagesordnung rückt.
Auch im Schulunterricht lässt sich ein ähnlicher Fokus beobachten: Im Gesellschafts(kunde)-unterricht, im Fach Religion und nicht zuletzt im Geschichtsunterricht geben die aktuellen Entwicklungen vereinzelt curriculare Impulse. Zweifellos sind gegenwärtige Probleme und Konflikte wichtige Themen auch und gerade für den Schulunterricht. Schon deshalb bieten wir in diesem Heft entsprechende Beiträge zur Problemgeschichte der Gegenwart (Hans Günter Hockerts), beispielsweise in den Beiträgen zum „Islamischen Staat (Hellberg/Zürn) oder zur „Orientalismus-Debatte (Hafez/Hafez). Und doch ist „der Islam eben sehr viel mehr und vielschichtiger, als populäre Problematisierungen glauben lassen.
Das vorliegende Heft steht daher für eine Problemorientierung und eine Perspektivenerweiterung auf das Thema. In historischer Perspektive lassen sich vielschichtige, widersprüchliche und unterschiedliche Entwicklungen islamischer Gesellschaften erkunden. Schon deshalb sprechen wir nicht von „dem Islam, sondern von islamischen Welten, die wir zum Lerngegenstand des Geschichtsunterrichts machen. Was genau macht diesen Lerngegenstand aus? Was sind seine Potenziale für den Geschichtsunterricht, welche Probleme bringt er mit sich? Und welche neuen Befunde bietet die historische Forschung, um islamische Welten im Geschichtsunterricht erkunden zu können?
Differenzierungen, Differenzen und Dynamiken islamische Welten in der Forschung
Forschungen zur islamischen Geschichte haben seit langem Konjunktur. Die kontinuierlich wachsenden Forschungsberichte der GWU oder das umfangreiche Forum „Islamwissenschaftliche Rezensionen der Internetplattform „Sehepunkte geben dafür nur zwei Beispiele. Beide Foren bieten zudem einen guten Überblick über die Geschichte des Islam (Busse 2000; Gräf/Freitag 2008; Scheiner/Ott 2016; http://www.sehepunkte.de/archiv/islamwissenschaftliche-rezensionen/).
Grob zusammengefasst werden drei Perspektiven sichtbar, in denen die historische Forschung unser Bild zur Geschichte islamischer Welten erheblich erweitert. Erstens arbeiten zahlreiche Studien verschiedene Strömungen und Gruppierungen seit dem 7. Jahrhundert heraus und differenzieren somit verbreitete Vorstellungen von „dem Islam. Zweitens werfen zahlreiche Arbeiten schärfere Blicke nicht nur auf Differenzen zwischen islamischen und europäischen Akteuren, sondern ebenso auf Differenzen innerhalb der islamischen Welt. Und drittens zeichnen historische Forschungen Dynamiken der islamischen Geschichte, die gängige Narrative in Frage stellen. Im Folgenden skizzieren wir zentrale Erkenntnisse dieser drei Perspektiven, die unserem Geschichtsbild im Allgemeinen und dem Geschichtsunterricht im Speziellen neue Impulse geben.
Differenzierungen
„Der Islam ist in mehrfacher Hinsicht eine grobe Vereinfachung. Das gilt zunächst einmal als Kollektivzuschreibung für eine Gruppe, Gesellschaft, Strömung bzw. Macht. Zu einem öffentlichen Aufreger wurden derartige Zuschreibungen in der „Orientalismus-Debatte. Ende der 1970er-Jahre veröffentlichte Edward Said sein Buch „Orientalism, das nach wie vor Debatten provoziert (Said 1979; vgl. dazu den Beitrag von Hafez/Hafez in diesem Heft). Kurz gesagt kritisiert Said eine Tradition europäischer Fremdbilder über den Islam von Napoleons Ägyptenexpedition bis heute. Stereotype über den Islam seien nicht nur in Kunst oder Literatur, sondern ebenso in der Alltags- und politischen Kultur verbreitet und prägten sowohl „westliche...

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