10. – 13. Schuljahr

Nicola Hafez/Kai Hafez

„Das ist der Orient!

Geschichte der westlichen Islamwahrnehmung: Würdigung und Kritik der Orientalismusthese

Der in Palästina geborene US-amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said hat in seinem berühmten Werk „Orientalism die Grundzüge eines negativ verzerrten „orientalistischen Bildes der islamischen Welt im westlichen Kulturschaffen herausgearbeitet. In seinem Folgeband „Covering Islam hat er diese These auch auf moderne Medien übertragen, die aus seiner Sicht das Feindbild Orient/Islam zementieren.
Der Beitrag zeigt in einer kurzen Übersicht die in der Tat vielfach negative Sicht westlicher Gesellschaften und des Mainstreams der Kultur auf den Orient und den Islam, aber auch die zeitgenössischen Schwankungen und Öffnungstendenzen, die es in der westlichen Rezeption gegeben hat. Saids These eines hegemonialen westlichen Abwertungsdiskurses erweist sich zwar im Kern als richtig, ist aber zugleich selbst zu vereinfachend, da nicht nur von jeher „kleine und „große Traditionen der Wahrnehmung existiert haben, sondern auch der Mainstream vor allem vom 19. bis ins 21. Jahrhundert verschiedene Diskurse entwickelt hat, die nicht immer auf ein geschlossenes „Feindbild Islam hinausliefen.
Traditionslinien europäischer Islam- und Orientwahrnehmung
In der Geschichte der europäischen Islam- und Orientwahrnehmung sind zumindest drei große Traditionslinien zu erkennen. Zunächst eine christlich-dogmatische Perspektive, die für den Islam überwiegend negative Werturteile bereithielt. Seit den im 11. Jahrhundert einsetzenden Kreuzzügen galt der Islam als eine von zahlreichen Häresien des Christentums, und der Prophet Mohammed wurde von vielen europäischen Gelehrten als Antichrist betrachtet. Der Islam galt als gewaltsam, obwohl er andere monotheistische Religionen zumindest respektierte (dhimmi-Status). Zwar übte er kulturell und wissenschaftlich einen positiven Einfluss auf das Europa des Mittelalters und der Renaissance aus. Die Religion des Islams wurde jedoch durchgehend als die negative Seite der orientalischen Kultur betrachtet.
Die zweite Tradition des Orientbildes war säkularer Prägung. Der Islam wurde von den alten christlichen Traditionen bekämpft, während er gleichzeitig von der religionsfeindlichen Tendenz der säkularen Moderne, die sich gegen das Christentum behaupten musste, als scheinbar restriktives Kultursystem abgelehnt wurde. Allerdings erschöpfte sich das säkulare Orientbild nicht in anti-islamischen Haltungen. In Randbereichen der europäischen Kultur, etwa in Goethes Werk „West-östlicher Divan, erhielt sich eine Wertschätzung für das rationale orientalische Erbe. Gerade der zentraleuropäische Raum wurde nach dem Schwinden von Bedrohungsgefühlen gegenüber dem Osmanischen Reich in der Romantik von einer „Orientschwärmerei ergriffen. Der Entwurf eines glaubensfesten, sittenstrengen und traditionsbewussten Orients galt als Gegengewicht zum geistigen Modernisierungsdruck der französisch geprägten Aufklärung. Die positiven Lesarten haben jedoch das europäische Orientbild nicht nachhaltig beeinflussen können. Die abendländischen Kernvorwürfe des islamischen Fanatismus und der orientalischen Despotie sind aus den Konversationslexika nie verschwunden und längst zu Ethno- und Religionsmythen geworden.
Eine dritte, pragmatische Traditionslinie entstand vor dem Hintergrund der europäischen (später auch der amerikanischen) Orientpolitik seit dem 19. Jahrhundert. Der Kolonialismus trug zur Verfestigung eines negativen Orient- und Islambildes bei. Der Orient galt als schwach und kontrollbedürftig. Das Orient- und Islambild des zeitgenössischen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg ist in weiten Teilen ein Mikrokosmos der geschilderten Wahrnehmungstraditionen. An die Stelle eines noch in der Nachkriegszeit erkennbaren, zum Teil positiv-exotischen Orientbildes (z.B. Hofberichte über den Schah von Persien in großen europäischen Medien) ist ein ausgeprägtes...

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