7. – 10. Schuljahr

Christian Grieshaber

Bilder von der Welt im Mittelalter

Zwischen religiösen Sehnsuchtsorten und Abbildern der Realität

Das Thema Islam wird in deutschen Schulbüchern selten oder lediglich in Verbindung mit Konfliktsituationen im Sinne eines „Clash of Civilizations (Samuel Huntington) thematisiert. Beispiele hierfür sind die Ausbreitung des Islam im frühen Mittelalter sowie die Kreuzzüge im hohen Mittelalter. Danach taucht das Thema erst wieder im Zuge des Nahostkonflikts auf oder es wird in der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges mit ebenfalls negativen Aspekten wie 9/11 oder den Irakkriegen verknüpft.
Didaktische Überlegungen
Ausnahmen sind hier Schulbücher, die neben Konflikten auch Kulturkontakte zwischen Muslimen und „Franken (so wurden aus muslimischer Sicht alle christlichen Kreuzfahrer genannt) in den Mittelpunkt stellen. Besonders intensiv beschäftigt sich mit diesen Kulturkontakten das deutsch-französische Schulbuch Geschichte/Histoire (Stuttgart 2011), welches sowohl in Deutschland als auch in Frankreich als Lehrmittel zugelassen ist. Im Fokus steht dabei das maurische Spanien, genannt al-Andalus, und dessen spanisch-muslimische Zivilisation. Einen ähnlichen Kulturkontakt möchte dieser Beitrag anhand des normannischen Königreichs Sizilien vorstellen.
Um ein tieferes Verständnis für diesen friedlichen Austausch zu entwickeln, wären Kenntnisse der historischen und theologischen Grundlagen beider Religionen eigentlich unabdingbar. Doch mit Blick auf den Lehrplan des Freistaates Bayern lässt sich bilanzieren: Trotz vielfältiger und teils interdisziplinärer Ansätze und Schwerpunkte in unterschiedlichen Jahrgangsstufen bleibt den Schülerinnen und Schülern zumindest im Geschichtsunterricht letztlich unklar, woher eigentlich die unterschiedlichen Weltbilder von Christen und Muslimen kommen, die sich vom Mittelalter bis in die Gegenwart ziehen und damit auch Teil unserer vielfältigen Gesellschaft geworden sind.
Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, sich anhand zweier historischer Karten mit den mittelalterlichen Weltbildern beider monotheistischer Religionen auseinanderzusetzen. Dabei geht es um die circa 1300 entstandene Ebstorfer Weltkarte und die Weltkarte des arabisch-sizilianischen Kartographen Muhammad al-Idrisi aus dem 12. Jahrhundert. Im Unterrichtsentwurf soll so ganz dezidiert das Selbstbild von Islam und Christentum gegenübergestellt werden. Im Zusammenhang mit historischen Hintergrundinformationen zur „convivencia (Material 4, Material 5) der friedlichen Koexistenz von Juden, Arabern und Christen im normannischen Königreich Sizilien lassen sich analog zur Behandlung des maurischen Spanien (al-Andalus) Parallelen ziehen.
Was das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler angeht, so müssen diese über die wesentlichen Aspekte des Kulturkontaktes zwischen der islamischen Welt und des Westens informiert sein und über entsprechende Recherchekompetenzen verfügen. Von daher lässt sich der Unterrichtsvorschlag am sinnvollsten in der 7. Klasse durchführen (vgl. http://www.isb-gym8-lehrplan.de). Methodisch zentral ist das Medium der Karte (Grieshaber 2016, S. 19) und ihre Analyse sowie Interpretation. Die Arbeit mit Karten bietet einen multidimensionalen und interdisziplinären Zugang zur Thematik. Hier ergeben sich gerade in Zusammenarbeit mit dem Geographieunterricht zahlreiche Lernchancen.
Die Weltkarte des al-Idrisi
Die Weltkarte des arabischen Gelehrten Muhammad al-Idrisi (1099 – 1166) ist Teil seiner systematischen Geografie der Welt, die er im Auftrag des christlichen Normannenkönigs von Sizilien, Roger II., betrieb. Die Karte ist nach Süden ausgerichtet. Europa lässt sich im rechten unteren Drittel am Mittelmeer mit seiner Verbindung zum Schwarzen Meer erkennen. In Afrika ist der Nil mit der vermeintlichen Abzweigung in den Atlantik zu sehen. Die Kenntnis Afrikas ist insbesondere arabischen Händlern (auch Sklavenhändlern) zu verdanken. In der vom Islam und vom...

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