5. – 13. Schuljahr

Michael Frey

Inklusion im Geschichtsunterricht

Vielfalt geschichtsdidaktisch nutzbar machen

Auf den ersten Blick wirkt die an einem Bottroper Gymnasium gezeigte Stunde etwas altbacken: Nach einem kurzen Stundenauftakt über eine Bildquelle hat die Referendarin schnell mit ihrer 7. Klasse eine Frage nach den Motiven für die Kreuzzüge entwickelt und den Schülerinnen und Schülern zwei unterschiedliche Überlieferungen des Aufrufs von Papst Urban II. gegeben.
Kognitiv ist das Vorhaben für eine Gymnasialklasse durchaus anspruchsvoll, denn die Materialien erfordern nicht nur ein gutes Textverständnis, der Vergleich wirft auch die interessante Frage nach dem Aussagewert der beiden Überlieferungen auf. Am Ende der Stunde haben die Schülerinnen und Schüler sogar über den Konstruktcharakter von Geschichte nachgedacht und dadurch viel über das Zustandekommen historischer Erkenntnisse gelernt.
Für die anwesenden Seminarausbilder ist die Stunde trotzdem eher ein „Klassiker: Jeder Kollege hat sie in ähnlicher Form in allen Ausbildungsjahrgängen schon gesehen, der Urban-Aufruf ist in verschiedenen Überlieferungen in jedem gängigen Schulbuch zu finden. Insofern stimmt die planmäßig verlaufene Stunde die drei Ausbildungsbetreuer durchaus zufrieden, allerdings nicht unbedingt enthusiastisch.
Im Nachgang der Stunde ändert sich das jedoch, denn die Klasse, die so lernwillig und diszipliniert funktioniert hat, ist eine „Inklusionsklasse. Gleich sechs der 25 Schülerinnen und Schüler haben sonderpädagogischen Förderbedarf. Allein für Marie, Adela, Ilkay und Robert mit dem Förderschwerpunkt Lernen müssen jede Stunde differenzierende Materialen erstellt werden. Robert und Ilkay weisen außerdem den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung auf, weshalb der Unterrichtsablauf nicht immer vollständig kalkulierbar ist. Darüber hinaus gibt es mit Meike und Marc zwei Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung, sie werden phasenweise von einer Integrationshelferin begleitet. Und so stellt sich den nun doch sichtlich beeindruckten Fach- und Kernseminarleitern die Frage, wie die Referendarin diesen inklusiven Geschichtsunterricht so souverän geplant hat.
Inklusiver Geschichtsunterricht Chancen und Herausforderungen
Seit der am 26. März 2009 auch in der Bundesrepublik ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention ist inklusiver Unterricht zentraler Bestandteil der Debatte über die Gestaltung schulischer Realität, die sich auch in entsprechendem Handeln der Bundesländer niedergeschlagen hat. In Nordrhein-Westfalen etwa wurde mit dem am 1. August 2014 in Kraft getretenen „9. Schulrechtsänderungsgesetz zur Umsetzung der VN-Behindertenrechtskonvention der gemeinsame Unterricht als Regelfall verankert, wodurch „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen [] in das allgemeine Bildungssystem einbezogen und das gemeinsame zielgleiche und zieldifferente Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung in der allgemeinen Schule ermöglicht werden soll (MSW 2013). Auch die Ordnung des Vorbereitungsdienstes für Lehrämter in NRW sieht unter dem Leitfaden „Vielfalt als Herausforderung annehmen und als Chance nutzen die Kompetenzausbildung von Referendarinnen und Referendaren vor, um „Benachteiligungen, Beeinträchtigungen und Barrieren von Schülerinnen und Schülern zu beseitigen (MSW 2016).
Für alle am Bildungsprozess Beteiligten stellt dies eine zentrale Herausforderung dar (mit kontroversen Standpunkten Ahrbeck 2019 und Hinz 2017), nehmen doch außer den sogenannten Regelschülern nun auch Kinder und Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Förderbedarfen am Unterricht allgemeinbildender Schulen teil (zu den einzelnen Förderschwerpunkten vgl. Kasten 1).
Kasten 1 sonderpädagogische Förderbedarfe
Kasten 1 sonderpädagogische Förderbedarfe
In Deutschland unterscheidet die Kultusministerkonferenz folgende sonderpädagogischen Förderbedarfe:
Förderschwerpunkt Lernen
Diese Gruppe stellt die größte Gruppe von Lernenden mit...

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