5. – 10. Schuljahr

Jan Scheller

Eine binnendifferenzierte Quellenanalyse

Am Beispiel einer historischen Karte zum Versailler Vertrag

Die vorliegende Unterrichtsidee soll eine Möglichkeit aufzeigen, die Analyse von Quellen/Darstellungen binnendifferenziert zu trainieren. Anhand einer Quelle über den Versailler Ver-trag wird gezeigt, wie sich die Bearbeitung von Quellen und Darstellungen im Geschichtsunterricht in Teilschritte (= Aspekte) zerlegen und in Arbeitsaufträge mit unterschiedlichen Niveaustufen operationalisieren lässt. Die Binnendifferenzierung wird durch unterschiedliche Aufgabenstellungen vorgenommen, das Material und die historische Frage bleiben gleich. Die Zielstellung ist, dass alle Schülerinnen und Schüler das Grobziel trotz verschieden anspruchsvoller Aufgabenstellungen erreichen.
Sachanalyse
Der Versailler Vertrag beendete den Ersten Weltkrieg und wurde von den Siegermächten ausgehandelt. Vertreter des Deutschen Reiches durften an den Verhandlungen ohne Stimmrecht teilnehmen und bekamen den Vertrag nach Abschluss zur Ratifizierung vorgelegt. Er beinhaltete die alleinige Kriegsschuld des Kaiserreiches sowie Gebietsabtretungen und Reparationsleistungen. Ferner wurden Teile des Deutschen Reiches unter fremde Besatzung gestellt und die Truppenstär-ken von Armee, Marine und Luftwaffe beschränkt.
Der Versailler Vertrag besitzt für die innenpolitische Entwicklung der Weimarer Republik bis hin zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten eine entscheidende Bedeutung. Er war gleichsam eine schwere Hypothek für alle demokratischen Kräfte der Weimarer Republik sowie ein Propagandamittel antidemokratischer Kräfte des politischen Parteien- und Bevölkerungsspektrums.
Die Karte wurde vom Kartographen Arnold Hillen Ziegfeld erstellt, der Mitglied des antisemitischen und antidemokratischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes war, 1921 Mitglied der NSDAP wurde und in den 1930er-Jahren im Propagandaministerium arbeitete (Herb 1997, S.82). Sie entstand 1928 im Auftrag der Weimarer Regierung und entspricht seinem Verständnis einer suggestiven oder psychologischen Karte, welche „den Leser fesseln, ihn zur Beschäftigung mit einem Problem zwingen will (Ziegfeld 1927). Sie wurde auch in schwarz-weiß gedruckt und verbreitet (Braun/Ziegfeld 1929, S.37).
Didaktische Überlegungen
Der Versailler Vertrag wird je nach Bundesland und Schulart in unterschiedlichen Jahrgangsstufen unterrichtet. In der Sekundarstufe I dient er thematisch meist in den Klassen 8 bis 10 als Übergang zwischen „Erstem Weltkrieg und „Weimarer Republik. Anhand der gewählten Karte lässt sich die Instrumentalisierung eines historischen Ereignisses für eigene politische Zwecke verdeutlichen. Durch einseitige Informationsvermittlung werden negative Emotionen und Einstellungen bei Rezipierenden geschürt, die sich in ihren nachfolgenden Handlungen z.B. im Wahlverhalten auswirken können.
Die zu fördernde Fähigkeit ist die Analyse von Quellen und Darstellungen zur Beantwortung historischer Fragestellungen. Diese Methode muss aufgrund ihrer Komplexität bei Schülerinnen und Schülern schrittweise angebahnt werden. Der vorliegende Unterrichtsbeitrag versucht dies zu er-möglichen, indem
a. die Analyse von Quellen und Darstellungen in Teilschritte zerlegt und
b. diese so operationalisiert werden, dass sich daraus Arbeitsaufträge mit unterschiedlichem Komplexitätsgrad ableiten lassen (vgl. dazu: Buchsteiner u.a. 2018).
Die zentrale Frage der Stunde lautet, wie der Versailler Vertrag in dieser Schulbuchkarte dargestellt wird. Als Grobziel formuliert: Anhand einer Karte von 1919, die in verschiedenen Geschichtslehrbüchern der Weimarer Republik abgedruckt wurde, erschließen Schülerinnen und Schüler die enthaltene Deutung des Kartographen über den Versailler Vertrag und weisen diese als historisches Werturteil nach.
Zunächst stellt sich dafür die Frage, welche Aspekte der Medienanalyse eine Rolle spielen, um die vorliegende Deutung des...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen