10. – 13. Schuljahr

Kerstin Lochon-Wagner

„One Nation under God?

Protestantisches Gedankengut in der amerikanischen Zivilreligion

„There is no country in the world where the Christian religion retains greater influence over the souls of men than in America, schrieb Alexis de Tocqueville im Jahre 1831 ein Urteil, welches bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat (ARIS 2008).
Didaktische Vorüberlegungen
Amerikaner sind mehrheitlich religiöse Menschen; 2011 bekannten sich immerhin 76% zu christlichen Religionsgemeinschaften. Wenn man Umfragen Glauben schenken darf, sagen laut dem letzten veröffentlichten ARIS Report von 2011 58% der US Bevölkerung, dass ihnen ihre religiösen Überzeugungen wichtig sind, und sie sind mehrheitlich der Meinung, dass Religion einen größeren Einfluss auf private und öffentliche Angelegenheiten hat bzw. haben sollte. ARIS unterscheidet zunächst zwischen Katholizismus und allen anderen christlichen Religionsgruppen, so dass Religion in erst Linie mit dem Protestantismus in den USA zu verbinden ist. Statistiken allein können allerdings nicht die Rolle der verschiedenen Ausformungen des Protestantismus in den USA spiegeln, sie scheint allgegenwärtig, blickt man nur auf die Schlussformel einer jeden Präsidentenrede „God bless America und religiöse Topoi in den Antrittsreden amerikanischer Präsidenten, auf die Rückseite des Eindollarscheins („In God We Trust), den laut gesprochenen Treueschwur amerikanischer Schüler an öffentlichen Schulen zu Beginn eines jeden Schultages oder den weit verbreiteten sonntäglichen Gottesdienstbesuch.
Besonders mit Blick auf den 2016 in den USA stattfindenden Präsidentschaftswahlkampf treten dominierende Elemente der engen Verbindung zwischen Religion und Politik in Nordamerika noch deutlicher zutage trotz der im ersten Verfassungszusatz festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat. Für viele Europäer lösen diese zahlreichen zivilreligiösen Bekenntnisse zur Nation, zu ihren Institutionen und ihren Werten Verwunderung bzw. Erstaunen oder Befremden aus. Jenny Mahlandt (2015) betont in diesem Zusammenhang den bleibenden Faktor der Religion, der die Nation eint, der bemüht wird, um Entscheidungen der Nation zu legitimieren, und der die Nation leitet und Freiheit bringt bzw. garantiert. Zivilreligion kennzeichnet den amerikanischen Lebensstil, der Nationalismus und religiöse Weltsicht verbindet. Heike Bungert, Inhaberin des Lehrstuhls Neuerer und Neuester Geschichte unter Berücksichtigung nordamerikanischer Geschichte der Universität Münster, bilanziert als Zweck dieser zivilreligiösen Vorstellungen: „Sie integrieren den Einzelnen in die Gemeinschaft der USA, können aber auch politische Programme legitimieren. Indem sie moralische Normen vorgeben, erfüllen sie zudem eine kritisch-prophetische Funktion. (Bungert 2012)
Das protestantische Selbstverständnis als Teil dieser Zivilreligion, das sich bereits mit der Kolonialisierung der Ostküste Nordamerikas entwickelte, prägte und prägt bis heute Gesellschaft und Politik in den USA. Durch den Calvinismus gelangte reformatorisches Gedankengut zunächst nach Großbritannien und von dort mit den Puritanern, den englischen Calvinisten, über den Atlantik. Das heutzutage in den USA weit verbreitete hohe Ansehen der Arbeit liegt u.a. in der calvinistischen Arbeitsethik (Fleiß und Arbeitseifer) begründet.
Ein Blick auf diese Thematik ist für den (nicht nur bilingualen) Geschichtsunterricht lohnenswert, da Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kirche und Staat, nach dem Verhältnis zwischen Religion, Politik und Gesellschaft zu einem im Vergleich mit Kontinentaleuropa frühen Zeitpunkt diskutiert wurden, die z.T. bis heute in den USA gesellschaftliche bzw. politische Kontroversen auslösen. Obwohl weder Kirchtürme noch Sakralbauten das durchschnittliche amerikanische Stadtbild prägen im Gegensatz z.B. zu Europa und es aufgrund der verfassungsmäßigen Trennung von Kirche und Staat keinen Religionsunterricht an...

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