7. – 10. Schuljahr

Peter Blickle, Franziska Conrad

„Nur wer an Bilder glaubt, zerstört sie1

Bildersturm in der Reformation

Am Weihnachtfest 1524 kam es in der Reichsstadt Memmingen während des Vespergottesdienstes in der brechend vollen Pfarrkirche Unser Frauen zu einem unerhörten Akt. Der dort zelebrierende Pfarrer Megerich wurde „von den luterischen Weib und Man [...] mit vil Schmechworten gelestert und [...] mit Fäusten geschlagen. Das allerdings war nur der eine Teil der Aktion, ein zweiter bestand in der Verwüstung von Altarbildern und liturgischem Gerät: „Die Gläser [Fenster] wurden zerrissen und erschlagen, die Bildlin an den Taflen gebrochen, die Ampeln erworfen, Kerzen auf dem Altar abgebrochen. Die Aktion dauerte rund zwei Stunden, ohne das Eingreifen des Bürgermeister und mehrerer Ratsherren wäre Megerich „in der Sacristei erschlagen worden. Zwei Wochen später führte der Memminger Rat die Reformation ein, zwei Wochen zuvor hatte der Prädikant Christoph Schappeler an der zweiten Pfarrkirche der Stadt, in St. Martin, erstmals das Abendmahl in beiden Gestalten gereicht. Als Reaktion darauf hatten die Frauen an der Marienkirche (Unser Frauen) Gleiches gefordert und die Pfarrgemeinde hatte ihre Forderung mit dem Bildersturm in Memmingen unterstrichen.2
Ähnliche Vorgänge gab es in Wittenberg, in vielen schwäbischen Reichsstädten und in Städten der Schweiz in den 1520er-Jahren, später in Schottland und in den Niederlanden, zuletzt um die Mitte des 17. Jahrhunderts in England. Bilderstürmerei ist nicht auf die Reformationszeit beschränkt, die Zerstörung der Heiligen in den Kirchen Frankreichs im Zuge der Französischen Revolution gehört ebenso dazu wie der Sturz der Lenin-Monumente nach 1989.
Der Bildersturm in der Reformation ist ein besonders starker Ausdruck für einen religiösen Paradigmenwechsel, er markiert sinnfällig den Bruch mit der alten Kirche, er visualisiert eine Theologie, die das Ewige Heil nicht mehr von guten Werken und der Fürsprache der Heiligen erwartet, sondern von der Gnade Gottes, die ihrerseits nichts als den Glauben des Menschen voraussetzt. Die Heiligen sind unnütz geworden. Mit der Zerstörung der Heiligen(-bilder) distanzieren sich die Menschen von der falschen Gottesverehrung, mit der Entfernung aller Bilder wird ein Reinigungsritual vollzogen, wird die Kirche das, was sie sein soll, ein Haus Gottes. „Nur wer an Bilder glaubt, zerstört sie (Hans Belting). Da die Heiligen in der alten Kirche als Heilsvermittler galten, hatte ihre Verehrung in Bildern und Altären geradezu opulente Formen angenommen. Mit ihrer Zerstörung wird ihre Ohnmacht bewiesen.
Die Radikalität, mit der gegen Bilder vorgegangen wurde, war unterschiedlich. Martin Luther tolerierte Bilder, wenn sie didaktischen Zielen dienten, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin verlangten ein völliges Bilderverbot, deswegen sind reformierte Kirchen in Europa von kühler Nüchternheit.
Niemand interpretiert heute den Bildersturm noch als puren Vandalismus, im Gegenteil. Selbst dort, wo er nicht von den Predigern oder den Obrigkeiten in geordneten Bahnen durchgeführt wurde, sondern als spontane tumultuarische Aktion ablief, drücke sich darin eine Theologie aus. Die amerikanische Historikerin Lee Palmer Wandel hat diese Interpretation besonders weit getrieben und damit viel Anerkennung gefunden. Die Ästhetik der leeren Kirchen und der „weißgetünchten Wände sei Ausdruck einer Theologie der einfachen Leute: In Zürich hätten die Bilderstürmer, indem sie die Heiligen- und Christusfiguren zersägten und das Holz an Bedürftige verteilten, die Armen zu den wahren Bildern Gottes gemacht. In Basel hätten sie die Kleriker delegitimiert, indem sie die gestifteten Altäre im Münster verwüsteten, an denen Priester für das Seelenheil der wenigen Reichen die Messen lasen, jedoch für die Allgemeinheit nichts leisteten.
War die Entfernung der Bilder ein obrigkeitlicher Akt wie das meistens der Fall war , dann erfolgte er in allen Kirchen...

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