8. – 8. Schuljahr

Hiram Kümper

Mit dem Blick zurück nach vorn

Teilung aus dem Wunsch nach Einheit?

Re-formare, also: zurück- oder um-bilden, wieder-herstellen aus diesem Verb ist die Epochenchiffre „Reformation entstanden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das der zentrale Begriffsinhalt jeder „reformatio. Man wollte zurück zu etwas, das in Vergessenheit geraten, verfallen war oder sich verändert hatte. Dieser Wunsch nach Rückkehr ist eine kirchenhistorische Konstante, die auch bei Luther eine zentrale Rolle spielte.
Didaktische Überlegungen
Im Geschichtsunterricht wird der Beginn der Reformation in Deutschland häufig mit einem Aufbegehren gegen diffuse „Missstände innerhalb der Kirche thematisiert. Das Schulbuch hat dafür meist eine einzige Quelle zu bieten oft einen Auszug aus den Thesen von 1517, der mit dem Ablasshandel zunächst nur einen, sehr konkreten Missstand nennt. Darauf folgen der Kirchenbann Luthers und der Reichstag von Worms bis hin zur konfessionellen Spaltung. Damit entsteht ein schiefes Bild der frühen Reformation, das im Grunde von der konfessionellen Spaltung her gedacht ist.
Diese Unterrichtseinheit zeichnet ein nuancierteres Bild des Reformators zwischen dem Initialereignis „Thesenanschlag (1517) und dem Wendepunkt „Bannbulle bzw. „Wormser Reichstag (1521). Sie illustriert einen Luther, der um eine Reform der Kirche, um ein Zurück zu einer Einheit (und Reinheit) bemüht ist, die er erst durch die kirchengeschichtliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte beeinträchtigt sieht also durchaus keinen Revoluzzer auf dem Weg hin zur Kirchenspaltung.
Zugleich wird aber deutlich, dass sich die Stimmung aufheizte und dass sich die Kirchenspaltung nicht am 31. Oktober 1517 einseitig als revolutionärer Bruch, sondern dynamisch aus einem Wechselspiel zwischen Luther und seinen Widerstreitern entwickelte. Hatte Luther 1517 mit der Abschaffung des Ablasshandels noch sehr konkrete Probleme angesprochen, kritisierte er zunehmend auch als Reaktion auf den Gegenwind, der ihm entgegenschlug grundsätzlich die hierarchische Struktur der Amtskirche. Diese Eskalation des Diskurses wird in den Unterrichtsmaterialien deutlich: Material 1 Während Material 2 das Papsttum als bloße Äußerlichkeit darstellt, die man zu ertragen um des Friedens willen unter gewissen Umständen gewillt sei, enthält Material 3 eine Fundamentalkritik an der päpstlichen Amtskirche.
Die Erwiderungsschrift Material 2 verdeutlicht den Schülerinnen und Schülern die durchaus nicht selbstverständliche Einsicht, dass Kirche und Christentum nicht dasselbe sind. Diese Unterscheidung zwischen Institution und Glaube zu treffen, ist gerade heute für eine angemessene, reflektierte Auseinandersetzung mit Religionsgemeinschaften jedweder Ausrichtung weit über den Fokus der Unterrichtseinheit hinaus wertvoll.
Mit Material 3 vollziehen die Schülerinnen und Schüler an einem prominenten zeitgenössischen Thema exemplarisch die Argumentation Luthers nach: Dass sich alle Kirchenvertreter an der Heiligen Schrift messen lassen müssen, dass der Wunsch nach Rückkehr zum historischen Zustand der Kirche vor dem Erstarken des Papsttums im Hochmittelalter besteht. „Re-formatio ist hier also ganz wörtlich ein Zurück zu einem Zustand der alten Kirche, wie Luther sie in den Briefen der Apostel beschrieben sieht. Da diese Quelle ein kompliziertes Problem aufgreift, ist es sinnvoll, sie ausführlicher zu besprechen und die Einholung der nötigen Hintergrundinformationen (was ist eigentlich das Abendmahl?) als Hausaufgabe aufzugeben.
Literatur
Hamm, B.: Der frühe Luther: Etappen reformatorischer Neuorientierung, Tübingen 2010.
Lohse, B.: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang, Göttingen 1995.

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