10. – 13. Schuljahr

Marco Dräger

Der berühmte Thesenanschlag

Historisches Faktum oder Fiktion der Historiker?

„Wittenberg am 31. Oktober 1517. In der Mittagsstunde dieses Samstags geht ein Professor der erst 1502 gegründeten kursächsischen Landesuniversität mit weit ausholenden festen Schritten, der offene Talar wie eine Fahne hinter ihm her wehend, von Osten nach Westen quer durch die ganze Stadt auf die Schloßkirche der Residenzstadt zu: unter dem linken Arm eine Papierrolle, in der rechten Hand ein Hammer, mehrere Nägel zwischen den Fingern, gar wohl einer zwischen den Zähnen. Mit dem 12-Uhr-Glockenschlag der Turmuhr schlägt er − der fast 34jährige ,berufene Doktor der Theologie Martin Luther − seine beiden Plakate an die Kirchentür, auf seine Weise der Welt verkündend, was die Stunde geschlagen hat, eine neue Zeit einläutend, einhämmernd. (Neuhaus 2004, S. 57)
So oder so ähnlich stellte man sich jahrhundertelang Luthers Thesenanschlag vor, der die Reformation auslöste. Auch die (Kirchen-)Geschichtsschreibung wirkt(e) eifrig an diesem zum Teil bis heute tradierten Bild des hammerschwingenden Reformators mit. Forschungen in den 1950er- und 1960er-Jahren haben jedoch ergeben, dass das oben beschriebene Ereignis aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht stattgefunden hat, sondern dass es sich bei der tradierten Erzählung, für die es keinerlei direkte Quellenbelege in Luthers eigenem Schrifttum gibt, wohl um einen liebgewonnenen protestantischen Gründungsmythos handelt. Man geht mittlerweile davon aus, dass Luther seine Thesen vielmehr in brieflicher Form den Kirchenoberen zusandte, statt sie an die Tür der Wittenberger Schlosskirche anzuschlagen. Veröffentlicht hat er seine Thesen erst später, im November oder Dezember 1517, nachdem eine Reaktion der Empfänger ausgeblieben war.
Trotz dieser zwischenzeitlichen Neubewertung in der Wissenschaft lebt der Mythos noch immer, wird weiterhin geschichtskulturell gepflegt z.B. im 2003 erschienenen Spielfilm Luther − und erhielt zwischenzeitlich neue Nahrung. Denn 2006 wurde ein handschriftlicher Vermerk von Luthers Sekretär Georg Rörer entdeckt, der den Thesenanschlag zu bestätigen schien. Allerdings war auch er kein Augenzeuge, sodass der Streit um die Realität des Thesenanschlags erneut entflammte und zu einer wissenschaftlichen „Ansichts- und Glaubenssache der Historiker wurde.
Falls der Thesenanschlag entgegen aller Wahrscheinlichkeit tatsächlich am 31. Oktober 1517 stattgefunden haben sollte, so ist der Mythos des hammerschwingenden Reformators in doppelter Weise höchst zweifelhaft: Zum einen wird Luther kaum selbst die Thesen an den Türen befestigt haben, sondern der Universitätspedell; zum anderen wird jener dazu nicht Hammer und Nägel benutzt haben, sondern Leim oder Wachs, wie bei derartigen Aushängen damals üblich (vgl. Jütte 2014, S. N3).
Didaktische Überlegungen
Mag die Debatte in Details bisweilen auch bizarr wirken, so verdeutlicht sie doch ganz wesentlich, dass Quellen grundlegend für jedwede Art von historischer Erkenntnis sind und sich ohne sie keine belastbaren historischen Aussagen formulieren lassen. Die Ziele des Unterrichtsarrangements bestehen darin, dass die Lernenden den Konstruktcharakter von Geschichte erkennen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass historische Kenntnisse aus der Überlieferung von Quellen gewonnen werden, die standortgebunden sind und deren Aussagekraft begrenzt ist. Ferner verstehen sie, dass Überlieferungen aus der Vergangenheit unterschiedlich ausgelegt werden können und dass Geschichte nicht an sich existiert, sondern erst in der Auslegung von Überlieferungen aus der Vergangenheit betsteht. Sie begreifen, dass auch Historiker in ihren Deutungen des vergangenen Geschehens geschichtliche Ereignisse aus eigenem Blickwinkel beurteilen und bewerten. Trotz ihrer Professionalität unterliegen Historiker ebenfalls der Perspektivität (z.B. Zeitgebundenheit oder Konfession) und sind keine neutralen Interpreten....

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