10. – 13. Schuljahr

Thomas Diehl

Der Ablass

oder: die Frage, was die Kirche mit dem Himmel zu tun hat

Der Ablass und der Streit um ihn sind ein in den Köpfen der Deutschen weit verbreiteter Wissenstatbestand und zugleich oft mit Irrtümern und Fehldeutungen behaftet. Man „weiß zumeist fälschlicherweise, dass der Ablass den Freikauf von den Sünden bedeutete. Um den eigentlichen Sinn sowie die Attraktivität dieses Topos deutscher Erinnerungskultur verständlich zu machen, bedarf es seiner historischen und theologischen Kontextualisierung und mit dieser wiederum wird deutlich, warum der Ablass ein so signifikantes Symbol (nicht nur damaliger) katholischer Theologie darstellt. Es gibt ihn bis heute!
Zum Verständnis der Attraktivität des Ablasses hilft ein Blick auf die Lebensumstände im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Das Leben der Menschen war geprägt durch Leiderfahrungen: einseitige Mangelernährung, wiederholte Hungersnöte, Enge, Armut, Krankheiten, Schmerzen, Kindstod und harte, kräftezehrende körperliche Arbeit machten das Dasein zu einer Tortur, die durch den omnipräsenten Tod begleitet wurde. Wenn das Dasein von Not und Tod geprägt ist, ist es logisch, dass das Diesseits lediglich als Phase vor dem Tod galt, die der Mensch durchleiden musste. Fixpunkt des Denkens war das himmlische Jenseits, das Hoffnung und damit Halt bot (s. Sachinformation).
SachInformation: Die Lebensbedingungen im Mittelalter
SachInformation: Die Lebensbedingungen im Mittelalter
Für den Menschen Mitteleuropas vom 10. bis 12. Jahrhundert hat man eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur wenig über 30 Jahren errechnet. [] Was das Mittel der Lebenserwartung hinabdrückte, war zum einen die hohe Säuglingssterblichkeit, zum anderen der im allgemeinen frühe Tod von Angehörigen der Unterschichten, die auszehrende körperliche Arbeit zu verrichten hatten und Krankheiten und Naturkatastrophen besonders ausgesetzt waren. [] Eine Auswertung der Daten von etwa hundert Friedhöfen nördlich der Alpen [anhand von Skelettuntersuchungen] ergibt folgendes Bild: Die meisten Toten gehören den Altersklassen 14 bis 20 und etwas weniger 20 bis 40 Jahre an. Den Frauen erging es im Früh- und Hochmittelalter weitaus schlechter als den Männern. In der Altersgruppe der 14- bis 20jährigen Toten der erwähnten Skelettuntersuchungen stellten Mädchen einen sehr hohen Anteil. Neben den häufigen und nicht selten für die Mütter tödlich verlaufenden Geburten waren die Frauen, geschwächt durch schwere Feldarbeit, leichter anfällig für Krankheiten, unter denen offenbar die Lungentuberkulose besonders häufig war. []
Von der Pest abgesehen zählte im ganzen Mittelalter neben Malaria, Pocken und Ruhr vor allem die schwer zu diagnostizierende Lungentuberkulose zu den hauptsächlichen Todesursachen. Nicht wenige Opfer forderten auch die Lepra und vor allem das auf den Getreiderost [= Pilzbefall] zurückzuführende „Heilige Feuer []; es hatte in manchen Jahren epidemische Ausmaße. [] Neben die Krankheit trat der Hunger, von dem vor allem die sozial niederen Schichten heimgesucht wurden. [] Man wohnte zunächst auch in der Stadt meist in zugigen Holzhütten. Dichtgedrängt hockte man, zumal im Winter, um den offenen rauchig-rußenden Herd; das Licht fiel durch die Eingangstür oder die Rauchluke des Daches. Waren Fensteröffnungen vorhanden, so wurden sie, da es noch kein Glas gab [] mit hölzernen Rahmen, in die geöltes Pergament gespannt war, zugestellt, manchmal nur mit Stroh zugestopft. Stroh diente auch als Unterlage beim Schlafen auf dem gestampften Lehmboden.
Horst Fuhrmann, Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit © Verlag C. H. Beck, München 1996, S. 24  ff.
In dieses erlösende Jenseits konnte der Mensch nach vorreformatorischer Überzeugung jedoch nicht durch eigene Kraft gelangen. Gefangen in der eigenen, unabwendbaren Sündhaftigkeit, bedurfte er der Hilfe der katholischen Kirche. Sie sah sich als von Gott eingesetzter...

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