5. – 13. Schuljahr

Felix Hinz, Franziska Conrad

500 Jahre Reformation(en)

Religiöse Erneuerung, weltgeschichtliche Folgen und erinnerungspolitisches Großereignis

Im Jahr 2017 wird einmalig der 31. Oktober als gesetzlicher Feiertag in ganz Deutschland beachtet werden. Bislang hat der Reformationstag nur in den neuen Bundesländern (außer Berlin) diesen Status inne. Doch 2017 soll alles anders sein: Selbst die Katholische Kirche will sich an der thematischen Gestaltung der Feierlichkeiten 2017 beteiligen. Das ist nicht selbstverständlich, bedeutet die Reformation für Katholiken doch bis heute nicht zuletzt die Spaltung der abendländischen Christenheit und suchten die Protestanten doch in den bisherigen Jubiläen keineswegs die Ökumene, sondern betonten vielmehr die Differenz. Auch die jüngste Grundsatzschrift zur bereits 2008 ausgerufenen „Lutherdekade Rechtfertigung der Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017 (2014) der EKD zeigte sich provokant und rief auf katholischer Seite irritierte Verärgerung hervor. Doch seit Juni 2015 kamen beide Konfessionen überein, das Datum auch für gegenseitige Vergebungsgesten zu nutzen. Historische Anlässe dazu gibt es auf beiden Seiten reichlich. Schwierig wird es jedoch bei ökumenischen Veranstaltungen bereits bei der Bezeichnung „Reformation. Die Katholische Kirche zieht es vor, für 2017 den Euphemismus „Christusfest zu verwenden. Damit nicht genug, gibt es auch von evangelischer Seite durchaus verschiedene Perspektiven auf das Jubiläum.
Protestantismus von Beginn an ein vielseitiges Phänomen
Martin Luther löste mit seiner Kritik an der Römischen Amtskirche (vgl. den Beitrag von H. Kümper) 1517 sicherlich die Initialzündung für die Reformation aus. Die deutsche Perspektive neigt dazu, die Rolle Luthers, der zu Zeiten des Kulturkampfes als „deutscher Held galt, überzubetonen. Möglicherweise wirkt noch die Auffassung nach, dass Geschichte von „großen Männern gestaltet werde, wenn das monumentale Gedenken an Luther die Vielfalt der evangelischen Geschichte zu verdecken droht. Denn diese weist tatsächlich von Beginn an derart viele Nuancen auf, dass es richtiger ist, von Reformationen statt von der Reformation zu sprechen.
Die Radikalität der Reformer lässt sich am übersichtlichsten nach ihren Intentionen kategorisieren, sich auch in weltliche Belange einzumischen. Hier ist das Luthertum eher gemäßigt, da Luther erkannte, dass er in den weltlichen Kurfürsten einflussreiche potenzielle Verbündete für die evangelische Sache gewinnen konnte. Sein früherer Gefolgsmann Thomas Müntzer interpretierte Luthers Akzeptanz der bestehenden Herrschaftsverhältnisse jedoch als Verrat an der von den Protestanten vertretenen Gleichheit aller Menschen und propagierte Gewalt als legitimes Mittel, um Gottes Reich und Ordnung auch auf Erden zu verwirklichen. Gewalt schien auch Huldrych Zwingli als probate Option, der zusammen mit dem etwas späteren Jean Calvin noch weniger Elemente des Katholizismus akzeptierte als die Wittenberger Theologen. Besonders den Marienkult und die Heiligenverehrung anprangernd, entfesselten sie in ihrem eidgenössischen Einflussraum einen regelrechten Bildersturm. Auch Kruzifixe und jeglicher anderer Schmuck verschwanden aus den reformierten Kirchen, aus dem Altar wurde ein „Abendmahlstisch, anfangs war sogar Musik untersagt. Stattdessen konzentrierte sich alles ohne Ablenkung auf die Kanzel und somit auf das Wort Gottes (vgl. den Beitrag von P. Blickle u. F. Conrad). Hatten bereits Müntzer, Zwingli und Calvin die Gesellschaft streng überwachende „Gottesstaaten errichtet, trieben es in dieser Hinsicht die Täufer noch weiter. Diese erkannten nicht einmal die Kindstaufe an. In Münster errichteten sie schließlich unter Jan Matthys und Jan Bockelson 1533/34 einen theokratischen Terrorstaat, der jedoch ein ebenso blutiges Ende fand wie 1531 Zwinglis Versuch, militärisch zu expandieren, oder 1525 die sich auf das Evangelium berufenden Aufstände des „Gemeinen...

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