11. – 13. Schuljahr

Lars-Steffen Meier

„Likes für die Shoa?

Bewertung des erinnerungskulturellen Instagram-Kanals eva.stories

Der Instagram-Kanal eva.stories zeigt, wie es wäre, wenn ein jüdisches Mädchen während der Shoa einen Instagram-Account gehabt hätte. Mit diesem Online-Projekt möchten die Initiatoren um Maya und Mato Kochavi die junge Generation mithilfe von Social Media für die Verbrechen während der Shoa sensibilisieren. In dieser Unterrichtseinheit sollen Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II bewerten, inwiefern eine solche Form des Erinnerns angebracht und zumutbar ist. Dieses geschieht mithilfe des Materials des Instagram-Kanals und mit Auszügen aus dem Tagebuch der jungen Jüdin Éva Heyman, das als Vorlage für den Instagram-Kanal und die darauf veröffentlichten kurzen Video-Clips dient.
Ungarn 1944. Éva feiert ihren 13. Geburtstag. „Hallo, mein Name ist Éva. Willkommen auf meiner Seite! Folgt mir!, heißt es in dem Trailer zu den eva.stories. Es folgen Bilder von Menschen mit gelben Sternen an ihrer Kleidung, Panzern, Männern in SS-Uniformen. Die Geschichte, die auf dem Kanal erzählt wird, basiert auf dem Tagebuch der Jüdin Éva Heymann, das von Évas Mutter Ágnes Zsolt 1945 in ihrer Heimatstadt Oradea gefunden wurde. In diesem Tagebuch dokumentiert das junge Mädchen ihre Erlebnisse während der Shoa von ihrem 13. Geburtstag im Februar 1944 an bis zur Deportation nach Auschwitz am 06. Juni 1944, wo sie schließlich am 17. Oktober 1944 ermordet wurde. Nachdem die Wehrmacht Mitte März 1944 Ungarn besetzte, kamen deutsche SS-Kräfte in Évas Heimatstadt Oradea (bzw. ungarisch Nagyvárad) und begannen mit der Beschlagnahmung und Erpressung jüdischer Güter. Bereits im Mai 1944 wurden zwei Gettos im Stadtgebiet eingerichtet. Begleitet wurde die Gettoisierung von der Enteignung der jüdischen Bevölkerung, die häufig von Folter begleitet wurde. Bis zum Juni 1944 wurden die Gettos in Oradea evakuiert und die Menschen nach Auschwitz deportiert. Die ungarischen Juden stellten somit die letzte große jüdische Gruppe dar, die der von den Nationalsozialisten als Endlösung bezeichneten systematischen Massentötung der Juden zum Opfer fiel.
Das Tagebuch
Éva Heymans Tagebuch, das bereits 1948 unter dem Titel Eva lányom (Éva, meine Tochter) auf Ungarisch erschien (deutsche Übersetzung: Das rote Fahrrad, 2012), gilt als authentische Quelle, wenngleich davon ausgegangen wird, dass es durchaus vor der Veröffentlichung redigiert und kritische, die Mutter betreffende Stellen gestrichen wurden. Das Manuskript ist verschwunden. Nichtsdestoweniger ist der Quellenwert als sehr hoch einzustufen; vor allem für jüngere Menschen werden Èvas Erlebnisse erfahrbar. Die Aufzeichnungen geben die kindlich-naive Sicht auf die Geschehnisse der letzten Phase der Shoa wieder. Èva beschreibt eindrücklich ihre Sicht auf die Dinge, die stellenweise erstaunlich kritisch und überblickend daherkommt.
Didaktische Analyse
Eva.stories sticht in besonderer Art und Weise aus dem breiten Spektrum digitaler Formen der Erinnerungskultur heraus und stellt Schülerinnen und Schüler vor eine große Herausforderung. Denn bei dieser Form des re-enactments verschwimmen die Grenzen zwischen dem Authentischen und dem Fiktionalen die es voneinander zu unterscheiden gilt in besonderem Maße.
Es handelt sich nicht einfach nur um nachgestellte Videos, sondern diese sind in eine der gängigsten Social-Media-Plattformen überhaupt eingebettet, sodass die beschriebene Gefahr besonders groß ist. Deshalb ist es notwendig, dieses Angebot kritisch zu betrachten und auch verschiedene Perspektiven deutlich zu machen. Es steht nämlich nicht nur die Frage nach der Authentizität im Raum, sondern eben auch, ob man in dieser Form an die Shoa und ihre Opfer erinnern darf. Diese beiden, dem Geschichtsunterricht genuinen Beurteilungsebenen gilt es zu beachten. Der bloße Konsum dieses Angebotes als besondere Form der Erinnerungskultur greift zu kurz, da die Gefahr...

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