5. – 10. Schuljahr

Michael Kolbenschlag

Instagram im Geschichtsunterricht?

eva.stories über den Holocaust als Beispiel für neue Formen der Erinnerungskultur im Zeitalter der Digitalisierung

Der Holocaust als Instagram-Story was geschmacklos klingt, ist angelegt als eine neue Form des Holocaust-Gedenkens: Der Produzent und Regisseur Mati Kochavi hat zum Holocaust-Tag in Israel im Jahr 2019 die Instagram-Webserie eva.stories veröffentlicht, die in mehreren kurzen Videos die Geschichte der dreizehnjährigen ungarischen Jüdin Éva Heyman erzählt. Der Grundgedanke der Webserie lautet so: „Was hätte ein jüdisches Mädchen im Holocaust wohl auf Instagram gepostet?
Die historische Éva Heyman hat tatsächlich ein Tagebuch verfasst es endet mit ihrer Deportation nach Auschwitz. Die Webserie wählt allerdings einen dezidiert fiktiven Ansatz: Die kurzen Clips exponieren Éva als glücklichen Teenager in ihrem familiär-sozialen Umfeld, führen die Auswirkungen des Antisemitismus und der NS-Besatzung in Ungarn vor Augen, zeigen die Zwangsumsiedlung von Verwandten und Freunden in die Gettos und schließlich die Deportation der Protagonistin selbst. Der Stil der Dokumentation orientiert sich an der modernen digitalen Kommunikation. Instagram-typisch gibt die Protagonistin dem Rezipienten Einblick in ihr Leben: Kurze Clips, unterlegt mit Hashtags, Stickern und Emojis, treiben die Story voran. Dahinter verbirgt sich eine neue, digitale Form der Erinnerungskultur: Kochavis Projekt will jungen Menschen den Schrecken des Holocaust vermitteln dies in einer Form, die gezielt an die Kommunikations- und Rezeptionsgewohnheiten insbesondere junger Menschen angepasst ist. „Die Jugend ist heute auf Instagram, während die Jugend zu meiner Zeit Zeitungen las und Fernsehen schaute. Im digitalen Zeitalter, in dem die Aufmerksamkeitsspanne kurz und das Bedürfnis nach Nervenkitzel hoch ist, ist es extrem wichtig, neue Modelle der Zeugenaussagen und Erinnerung zu finden auch angesichts der sinkenden Zahl von Holocaust-Überlebenden, so Kochavi. Sein Ansatz ist demnach ein genuin pädagogischer: Der jungen Zielgruppe präsentiert er eine gleichaltrige Protagonistin, die sich eines modernen, zeitgemäßen Mediums bedient.
Und kein Zweifel, die Medialisierung des Holocaust-Gedenkens in der digitalen Sprache des 21. Jahrhunderts generiert Aufmerksamkeit, die Instagram-Seite hat inzwischen 1,6 Millionen Abonnenten. Die wirkungsvolle Aufbereitung der Thematik in Form eines biografisch-digitalen Ansatzes dockt nicht nur an die Lebenswelt der jungen Zielgruppe an, sondern forciert und koloriert zugleich die historische Imagination und das persönliche Erinnern derselben, insofern das abstrakte historische Geschehen modernisiert und dadurch gewissermaßen rekonkretisiert wird. Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass mediale Inszenierung zugleich auch Kommerzialisierung bedeutet, dass das Internet als Gedächtnismedium die Erinnerung an den Holocaust nicht nur modernisiert, sondern zugleich auch zu trivialisieren droht. „Die Fiktion ist eine Übertretung, und es ist meine tiefste Überzeugung, dass jede Darstellung verboten ist (Lanzmann 1995, S. 175) die Absolutheit, mit der Claude Lanzmann in den 1990er- Jahren gegen die Fiktionalisierung des Holocaust plädierte, mutet heute puritanisch an. Legitim erscheint aber die Frage, ob mit Phänomenen wie eva.stories nicht doch eine Grenze übertreten wird hin zu einer verflachten und verkitschten Erinnerung. Die Frage bleibt offen, ob die moderne Bebilderung der Holocaust-Erinnerung dazu beiträgt, das „Körnige, das Sandige des wirklich Erlebten präsent zu halten, oder ob dasselbe im Raum der digitalen Kommunikation nicht „bis zur Widerstandslosigkeit ausgefiltert wird (Klüger 1992, S. 32). Wichtig ist es jedenfalls, diese Fragen zu stellen, und lohnenswert ist es, sie auch mit Schülerinnen und Schülern, der eigentlichen Zielgruppe von eva.stories und der Generation, die letztlich für die Zukunft der...

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