1. – 13. Schuljahr

Alexander Plattner

Im Panzer an der Westfront

Geschichtskultureller Diskurs um Battlefield V

Mit über sieben Millionen verkauften Exemplaren gehört der Weltkriegs-Shooter Battlefield V, eine Produktion des schwedischen Spielentwicklers DICE und US-amerikanischen Publishers Electronic Arts, zu den beliebtesten Spielen auf dem deutschen Markt für Computerspiele. In der Tradition ihrer Reihe suggerieren die Entwickler, das Spiel böte eine Kriegserfahrung aus der Perspektive eines einfachen Soldaten im neuen Teil erneut auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Spielerinnen und Spieler können entweder im Multiplayermodus in Teams gegeneinander antreten oder allein eine der „Kriegsgeschichten, eine einem Plot folgende Einzelspielermission mit cineastischen Elementen, spielen. Obwohl das Spiel vorwiegend für den Mehrspielerbereich entwickelt wurde, ist es vor allem die Kriegsgeschichte mit dem Titel „Der letzte Tiger, die mediale Aufmerksamkeit erhält. Hier finden sich die Spielenden in einem deutschen Panzer zum Kriegsende an der Westfront wieder. Die gesamte Crew steuernd kämpft er gegen eine Übermacht vorrückender amerikanischer Truppen mit dem Auftrag, eine Rheinbrücke zu verteidigen.
Während Computer- und Spielezeitschriften „Der letzte Tiger überwiegend als beste Kriegsgeschichte loben, finden sich in den Feuilletons der Tageszeitungen auch kritische Stimmen. Im Raum steht vor allem die Frage, ob der Zweite Weltkrieg ohne die Verbrechen des NS-Regimes erzählt werden dürfe. Latent knüpft sich an diese Frage die Befürchtung, dass Verharmlosung und Verleugnung Tür und Tor geöffnet würden.
Tatsächlich halten die Entwickler von Battlefield nicht nur zu den Kriegsverbrechen einen sicheren Abstand, sondern vermeiden auch expliziten begrifflichen Kontakt mit dem Nationalsozialismus. Stattdessen rezipieren die Schreiber des Plots zu „Der letzte Tiger eine Reihe populärer Geschichtsmythen. Als Symbol vermeintlich überlegener deutscher Waffentechnik ist der Tiger-Panzer wichtiger Bestandteil zahlreicher Weltkriegsfilme und wird virtuell seinem Ruf gerecht, indem er nur schwer zu zerstören ist. Zur Verstärkung der emotionalen Spielintensität werden Durchhaltewille und Opferbereitschaft deutscher Soldaten zum Kriegsende im Plot inszeniert. Die Umsetzung dieses Geschichtsbildes im Spiel lässt die Spielerin bzw. den Spieler in eine höchst problematische Heldenrolle schlüpfen.
Auf der anderen Seite haben sich die Entwickler entschieden, keinen Raum für ein kontrafaktisches Spiel-ende zu schaffen. Die Niederlage ist im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert. Auch die Sinnlosigkeit mörderischer Befehle versuchen die Spielemacher zu vermitteln. Zuletzt kann die Spielfigur nichts ausrichten und selbst die Rheinbrücke wird ohne ihr Zutun gesprengt. Dennoch bleibt die Frage im Raum, welches Bild sich bei den Spielerinnen und Spielern verankert das des heldenhaften oder das des sinnlosen Kampfes. Dieser Ansatz der kritischen Einbettung setzt sich auch mit der Gestaltung der Protagonisten des Plots fort. So gehört zur Panzerbesatzung der junge Offizier Schröder, der offensichtlich die indoktrinierte Jugend im Dritten Reich verkörpert. Der Panzerkommandant Peter Müller hingegen steht stellvertretend für den Mythos der sauberen Wehrmacht. Der Charakter bewegt sich zwischen Pflichterfüllung und Desillusionierung mit sichtbarer Distanz zum NS-Regime. Zum Ende des Plots erschießt Schröder aus blindem Gehorsam zum Regime seinen Kommandanten, der die Niederlage akzeptiert und sich den amerikanischen Truppen ergeben will. Alle Protagonisten werden damit auf ihre Weise als Opfer des NS-Regimes inszeniert. Mit diesem Ansatz suggeriert das Spiel, dass ein kritisches Reflektieren über die NS-Vergangenheit ermöglicht wird. Doch gerade das Bild des ehrenhaften preußischen Offiziers oder des verblendeten Jungen sind Verkürzungen und Narrative in sich, die zur echten Reflexion dekonstruiert werden müssten.
Es...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen