11. – 13. Schuljahr

Markus Bultmann/Denis Gromut/FLORIAN HELLBERG/ULF KERBER

Historische Bilder als Waffen in sozialen Medien?

Visual Fakes zur Revolution 1989/90 bewerten

Im ‚Kampf um die Köpfe lässt sich ‚Geschichte zu einer Waffe schmieden. Aus Erfahrungen und deren kollektiver Erinnerung werden dann Argumente für den politischen Wettbewerb konstruiert. Dabei können kollektive Erinnerungen gezielt beeinflusst und Maßstäbe zu ihrer Bewertung umgedeutet werden, um so die Deutungshoheit über Fragen zurückzugewinnen, die im erinnerungskulturellen Konsens längst geklärt schienen. Einer ‚Geschichte als Waffe dienen dann Erinnerungen als unerschöpfliche Ressource, als Munition, mit der sich Erfahrungen, seien es eigene oder die anderer, aktivieren und befeuern lassen. Unterstützer sollen auf diese Weise mobilisiert, heterogene Gruppen integriert, der politische Gegner schlechtgemacht und eigenes Handeln gerechtfertigt werden. Gleichzeitig können in einer offenen Erinnerungskultur Umdeutungen wiederum zurückgewiesen, Erinnerungen verteidigt und die Indienstnahme von „Geschichte als Argument (Jörg Calließ 1997, S.7276) offengelegt werden.
Die öffentliche Debatte über diese Art der politischen Weiterverarbeitung von historischen Erfahrungen und deren kollektiver Erinnerung ist notwendig, weil Menschen sich nicht nur gemeinsam an bestimmte Erfahrungen erinnern, sondern im gemeinsamen Erinnern ihre Vorstellungen begründen, wie sie miteinander in ihrer Bürgergesellschaft zusammenleben wollen. Gemeinsame Erinnerungen und gemeinsame Werte gehen dabei Hand in Hand. Werte sind ohne Erfahrungen und ihre Deutungen nicht denkbar.
Derzeit wird ein in Jahrzehnten gefestigter Konsens bundesdeutscher Erinnerungskultur öffentlich infrage gestellt. Dazu führen verschiedene neurechte Parteien und Gruppierungen eine konzentrierte Aktion im Kampf um zentrale „Erinnerungsorte (Etienne François/Hagen Schulze 2003, S.17f.) deutscher Demokratiegeschichte und wenden dabei die „Taktik des Spießumdrehensan. Beispielsweise werden historische Persönlichkeiten wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, oder Sophie Scholl für Parteiwerbung im Wahlkampf vereinnahmt, nationale Symbole wie ‚schwarz-rot-gold oder „Einigkeit und Recht und Freiheit als Kommunikationsträger politischer Botschaften ebenso für die eigene politische Richtung reklamiert wie der revolutionäre Ausruf „Wir sind das Volk, das sich in eindrucksvoller Inszenierung ‚die Straße als einen zentralen Handlungsraum der ‚Friedlichen Revolution zurückerobert. Inwieweit neurechte Parteien und Gruppierungen hier gezielt ein Vakuum ausfüllen oder benutzen, das andere haben entstehen lassen und selbst nicht auszufüllen vermögen, muss als Frage offenbleiben.
‚Spießumdrehen heißt bei diesen Gruppen konkret: wir knüpfen an scheinbar vertraute freiheitliche Traditionen deutscher Geschichte an, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Der Widerstand gegen das NS-Regime wird ebenso umfunktioniert wie die ‚Friedliche Revolution gegen den Unrechtsstaat DDR oder die Revolution 1848/49 gegen den Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhunderts, wobei die antiliberalen Rahmenbedingungen dieser vergangenen Epochen deutscher Geschichte mit dem Rechtsstaat und der sozialen Demokratie der heutigen Bundesrepublik gleichgesetzt werden. In der Regel werden diese Parolen mit der Forderung nach einem Systemwechsel begleitet.
Im ‚Kampf um die Köpfe kommt der ‚Macht der Bilder eine herausragende Rolle zu. Bilder werden über soziale Medien mittlerweile von allen politischen Gruppierungen konkurrierend eingesetzt, um Botschaften als eigene Wirklichkeiten zu etablieren und damit die Deutungshoheit über die verwendeten Bilder zu prägen. Dabei wird auch immer wieder versucht, ‚Geschichte als Argument zu nutzen, um Vergangenheit einseitig zugunsten ihres Nutzers zu deuten und für gegenwärtige Auseinandersetzungen in Politik und Gesellschaft anschlussfähig zu machen.
In einer freien und ungeschützten...

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