9. – 13. Schuljahr

Thomas Kozianka

Eine „Demokratie mit zu wenigen Demokraten?

Die politische Kultur der Weimarer Republik im Spiegel „verfilmter Wahlplakate

Wir leben in einer Zeit der ‚Bilderflut: 1,2 Billionen Fotos wurden nach Angaben des Digitalverbandes bitkom (www.bitkom.org/) 2017 geknipst eine Flut, die auch in Schule und den (Geschichts)-Unterricht dringt, wie jüngst Markus Bernhardt festgestellt hat: „Alles Mögliche wird mit Bildern unter- und belegt. [] Hier verschwimmen die Grenzen von Faktualität und Fiktion. Der Geschichtsunterricht sollte daher seinen Teil dazu beitragen, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, kritisch mit Bildern umzugehen (Bernhardt 2018, S. 33). Hierzu sei jedoch eine deutlich intensivere Auseinandersetzung mit dem Bild als Quelle notwendig: „Erwiesen ist [], dass eine Grundvoraussetzung des Bildverstehens die möglichst lang dauernde Beschäftigung mit dem Bild ist. Dazu stehen die modernen Sehgewohnheiten jedoch geradezu im Widerspruch (Ebd., S. 38).
Der vorliegende Beitrag unterbreitet hierfür einen konkreten Unterrichtsvorschlag: In vier Unterrichtsstunden sollen Schülerinnen und Schüler Wahlplakate aus der „Phase der relativen Stabilisierung (Eberhart Kolb) der Weimarer Republik zwischen 1924 und 1929/30 zunächst analysieren und interpretieren und im Anschluss eine digitale ‚Verfilmung dieser Wahlplakate erstellen, vertonen und präsentieren.
Sachanalyse
Die Zeit der Weimarer Republik ist die Blütezeit des politischen Plakats; es entwickelte sich zu einem bevorzugten Instrument der politischen Auseinandersetzung zwischen den Parteien: Angeklebt an Häuserwänden und Litfaßsäulen oder präsentiert von menschlichen Plakatträgern gab es für die potenziellen Wählerinnen und Wähler kein Entkommen vor der plakatierten Propaganda, in Wahlkampfzeiten tobte ein regelrechter „Plakatkrieg (vgl.Lau 2018). Besonders heiß geführt wurde dieser Kampf in den Anfangsjahren der Republik und in der Endphase der Republik.
Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf die Zeit der „relativen Stabilisierung der ersten deutschen Republik und geht dabei der Frage nach, inwieweit die viel zitierte Aussage von der „Demokratie mit zu wenigen Demokraten zutrifft. Durch die querschnitthafte Gegenüberstellung von Wahlplakaten lässt sich auf der einen Seite zeigen, dass die Parteien auch in dieser Phase nur eingeschränkt dazu bereit waren, ihre gegenüber der Zeit des Kaiserreichs neue Rolle als selbstständige Organe der Herrschaftsmacht zu übernehmen: Die Bereitschaft, Regierungsverantwortung zu übernehmen und Kompromisse einzugehen, war gering. Verschärft wurde dieses raue politische Klima in Wahlkämpfen durch die extreme Polarisierung in Freund und Feind und eine heute kaum noch vorstellbare Polemik.
Auf der anderen Seite macht ein Vergleich der Plakate deutlich, dass das Schlagwort von der „Demokratie mit zu wenigen Demokraten zu pauschal zu sein scheint: Vor allem die Parteien der Weimarer Koalition (SPD, DDP und Zentrum) traten für eine Entfaltung der Demokratie ein (vgl. Steinmeier, Rede vom 09.11.2018, S. 4.). Zudem zeigen die Wahlplakate auch, dass sich die Parteien der Weimarer Republik verglichen mit heutigen Wahlkämpfen sehr engagiert und originell um ihre Wähler bemühten.
Didaktische Ananlyse
Diese inhaltlichen Zusammenhänge lassen sich in der Frage „Die Weimarer Republik: eine „Demokratie mit zu wenigen Demokraten? bündeln. Auf Grundlage einer Zusammenführung der verschiedenen Interpretationen der Plakate kann diese Frage zum Abschluss des Unterrichtvorhabens auch mit Blick auf aktuelle parteipolitische Auseinandersetzungen im Plenum diskutiert werden: In welcher Art und Weise ist es angemessen, ist es noch demokratisch, staatliche Institutionen und/oder den politischen Gegner zu attackieren, abzuwerten, zu diffamieren oder sogar infrage zu stellen? So können Schülerinnen und Schüler mit Blick auf den Kompetenzerwerb zu einer Beurteilung der...

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