5. – 10. Schuljahr

Tatjana Vorderstemann

Verbrannte Erde Schlacht zwischen Wolga und Weichsel

Historische „Wahrheit in Paul Carells Sachbuch eine Analyse

Das Interesse an bestimmten historischen Ereignissen ist ungebrochen groß. Solche Ereignisse werden immer wieder medial rekonstruiert und geraten dadurch nicht in Vergessenheit. Der Zweite Weltkrieg gehört zweifellos dazu. Nicht nur Historiker setzen sich mit dieser Thematik auseinander, sondern auch sogenannte Laien ohne primär wissenschaftliches Erkenntnisinteresse. An dieses Publikum richten sich populäre Publika, die unterhalten wollen, aber oftmals auf eine differenzierte Darstellung der Geschehnisse verzichten. Dies wird dann problematisch, wenn sie dennoch für sich beanspruchen, „die Wahrheit abzubilden.
Einseitige Darstellungen des Zweiten Weltkrieges
Ein Beispiel für eine solche Darstellung des Zweiten Weltkriegs ist die Publikation Verbrannte Erde Schlacht zwischen Wolga und Weichsel, die 1966 von Paul Schmidt (1911 – 1997) unter dem Pseudonym Paul Carell veröffentlicht wurde. In acht Kapiteln berichtet Carell hier über den deutschen Russlandfeldzug.
Zunächst wirkt Verbrannte Erde weitgehend glaubhaft bzw. authentisch. Carell vermerkt sowohl Quellen- als auch Bildnachweise im Anhang, er reichert seine Erzählungen mit Fotografien, Karten, technischen Daten, Zeitzeugenberichten und wörtlicher Rede an, die den Anschein erwecken, dass es sich hierbei um eine fundierte Darstellung der Geschehnisse handelt. Zudem verspricht er im Vorwort, dass er ausschließlich „die Wahrheit und nichts als die Wahrheit abbilde, jedoch angeblich aus Gründen des besseren Verständnisses auf Fußnoten und Verweise verzichte.
Er bedient sich dieser gängigen häufig in Populärhistorie zu findenden – Darstellungsstrategien, um die Leserinnen und Leser vom Wahrheitsgehalt seines Werkes zu überzeugen. Hier beginnt die Problematik, denn Carell stützt seine Erzählungen zwar angeblich auf ausführliche Quellensammlungen, belegt seine Aussagen aber nicht innerhalb des Fließtextes, sondern nur summarisch im Literaturverzeichnis. Auch sein „Wahrheits-Versprechen, welches Authentizität und Seriosität vermitteln soll und für Laien somit auch für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar klingen mag, zeugt keineswegs von wissenschaftlicher Objektivität.
Es verschleiert vielmehr die Tatsache, dass ein einseitiger Bericht vorliegt, der ausschließlich die Perspektive der deutschen Soldaten genauer, der deutschen Heeresführung aufzeigt. Die Sinnbildung findet ausschließlich auf der Ebene der militärischen Operationsgeschichte statt, die aber als allgemeine Geschichte deklariert wird. Solche Partialität von Geschichtsschreibung ist letztlich unvermeidlich. Der Autor muss sie aber, genau wie seine Darstellungsabsicht, transparent machen. Er muss begründen, warum er den gewählten Ausschnitt thematisiert. Andernfalls liegt der Verdacht einer Manipulationsabsicht nahe.
Bei Carell wird die Berücksichtigung von unterschiedlichen Perspektiven, die zum Standard wissenschaftlicher Arbeit gehört, völlig außer Acht gelassen. Der Fokus der Darstellung liegt auf dem Leid der deutschen Truppen, nicht aber auf anderen Aspekten, wie beispielsweise der Massenvernichtung, der Germanisierung des Ostens oder dem Völkermord, in den auch die Wehrmacht verstrickt war. Selbst Erläuterungen über die politischen Hintergründe des Russlandfeldzuges fehlen.
Auch zu Carrells Vergangenheit findet sich kein Wort. Paul Schmidt arbeitete seit den 1950er-Jahren unter einem Pseudonym, da er als belastet galt. Er war in jungen Jahren der NSDAP und der Sturmabteilung (SA) beigetreten und leitete den „Kampfausschuss wider den undeutschen Geist. Im Dritten Reich machte er in der SS und in der Presseabteilung des Auswärtigen Amts Karriere, dort leitete er unter anderem die täglichen Pressekonferenzen des Ministeriums. Auch nach dem Krieg nahm er als politischer Publizist immer wieder revisionistische Positionen...

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