5. – 13. Schuljahr

Christine Eckes/Daniel Münch/Julia Walther

Schuldumkehr in YouTube-Kommentaren

Beurteilungen der alliierten Luftangriffe auf Dresden

Die meisten Jugendlichen surfen intensiv im Internet, lesen Kommentare auf Portalen wie Facebook, Twitter und YouTube und treffen dort auf Diskussionen über Geschichte. In dieser Unterrichtseinheit sollen sie daher lernen, sich mit geschichtsrevisionistischen Kommentaren reflektiert auseinanderzusetzen. Dies geschieht anhand von YouTube-Postings zu einem Video über die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg.
Schwieriges Gedenken
Die Bombardierung Dresdens unterscheidet sich im Ausmaß ihrer Folgen nicht von der Bombardierung anderer Städte. Trotzdem nimmt sie in geschichtsrevisionistischen Kreisen eine symbolische Funktion ein. Die Verbreitung überhöhter Opferzahlen im Jahre 1945, die zurückhaltende Rezeption in der DDR und die nach 1998 einsetzende neonazistische Instrumentalisierung führten zur Bildung des sogenannten „Mythos Dresden. Dieser Mythos hebt einerseits die Zerstörung wichtiger Kunst- und Kulturstätten der als „Elbflorenz bekannten Stadt hervor und behauptet andererseits eine marginale militärische und wirtschaftliche Bedeutung Dresdens. Diese Deutung führt zur Betonung einer deutschen Opferperspektive und unterschlägt unter anderem, dass Dresden als Verkehrsknotenpunkt, Industriestandort und Garnisonsstadt durchaus ein militärisch relevantes Ziel war. Darüber hinaus war die Stadt wie andere Städte auch maßgeblich in der Judenverfolgung eingebunden und Schauplatz einer der ersten Bücherverbrennungen.
Eine wichtige Rolle in der Diskussion um die Rezeption der Bombardierung Dresdens spielen die Opferzahlen. Wurde von der Dresdner Polizei und Stadtverwaltung im März 1945 von um die 25.000 Todesopfern ausgegangen, so brachte das Auswärtige Amt zu NS-Propagandazwecken zur gleichen Zeit im Ausland Opferzahlen von bis zu 200.000 in Umlauf, die in der internationalen Presse teilweise übernommen wurden. Die DDR verstärkte diskursiv die Ablehnung der West-Alliierten als Feindbild und klammerte das Thema Kriegsschuld aus. 2004 wurde eine Historikerkommission einberufen, um die Opferzahlen festzustellen. Diese bezifferte die Zahl der Toten auf ungefähr 25.000 was aber weiterhin vielfach nicht anerkannt wird.
Bereits 1998 etablierte sich sogar offen neonazistisches Gedenken an die Bombardierungen, anfangs unorganisiert, später von der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) und der NPD angemeldet und koordiniert. Diese sogenannten „Trauermärsche lösten ebenfalls wachsende Gegenproteste aus, die von einem breiten Bündnis aus dem linken Spektrum getragen wurden. Nach einer erfolgreichen Blockade im Jahr 2010 wurden die neonazistischen Demonstrationen zunehmend kleiner, verschwanden aber nicht. Die Stadt selbst unterstützte die Gegenproteste und Blockaden nicht, sondern entwickelte eigene Angebote des Gedenkens, insbesondere eine alljährliche Menschenkette mit über 10.000 Menschen, sowie Gedenkveranstaltungen an Friedhöfen und anderen relevanten Gedenkorten.
Das bürgerlich-städtische Gedenken erinnert an Kriegsopfer im Allgemeinen und positioniert sich gegen die Relativierung der deutschen Kriegsschuld. Die Rezeption der Bombardierung Dresdens bleibt jedoch weiterhin ein umstrittenes Feld. So gibt es Forderungen antifaschistischer Gruppen, die Täterschaft der Dresdner Bevölkerung in der NS-Zeit stärker zu thematisieren und vorrangig den Opfern der nationalsozialistischen Herrschaft zu gedenken, was wiederum von neurechten Akteuren als „Schuldkult bezeichnet wird. Gerade der Umgang mit der Bombardierung Dresdens zeigt, wie schwierig ein angemessener Umgang mit Kriegsopfern in unserer Gesellschaft ist.
Didaktische Analyse
Die teilweise offen revisionistischen Diskussionen auf Internetplattformen erfordern eine fachspezifische Mediendidaktik, die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt, reflektiert und kompetent darauf zu reagieren....

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