5. – 13. Schuljahr

Markus Bernhardt

Geschichte von rechts

Populismus, Revisionismus, Holocaustleugnung

Geschichte von rechts ist kein neues Phänomen. Volkstümelnde, germanomanische, nationalistische oder rechtsextreme Geschichtsdeutungen, wie sie derzeit wieder hoch im Kurs stehen, begleiten Aufklärung und Liberalismus von Beginn an. Der theoretische oder normative Kern der rechten Geschichte ist in der Regel eine essentialistische Auffassung von Volk und Nation, die aufgrund eines biologistisch gefassten Soseins eine klare Unterscheidung von Eigenem und Fremden zulässt. Die Geschichte dient für diese Auffassung als Belegassistent, indem sie auf ein bereits feststehendes Urteil zugeschnitten wird: die Nation sei eine gleichsam natürliche Entität. Dass derartig apodiktische Urteile einer wissenschaftlichen Überprüfung kaum standhalten, kümmert Anhänger der rechten Geschichte wenig, denn ihre „Wahrheit ist zumeist eine gefühlte, intuitive, die durch reines Schauen, Innewerden oder durch alltägliche Erfahrungen gewonnen wird.
Wir treffen deshalb in der „Geschichte von rechts auf die immer gleichen Figuren und Argumentationsmuster. Rechte Geschichte
  • geht von einem bluts- und gefühlsmäßigen Kontinuum des eigenen Volkes aus,
  • legt ihren Anfang möglichst weit in die Vergangenheit zurück,
  • berichtet von einem ewigen Kampf um Selbstbehauptung gegen äußere und innere Feinde,
  • beschwört das Recht des Stärkeren,
  • erzählt vom Mut und von der Tatkraft tapferer Kämpfer, kühner Politiker, genialer Erfinder und großartiger Dichter und Denker,
  • hat einen positiven Erzählkern, der Erfolge überhöht, Niederlagen und Verbrechen relativiert,
  • preist den Fleiß und die Opferbereitschaft (z.B. im Krieg) des „einfachen Volkes als Vorbild,
  • deutet die Gesellschaft als harmonischen Organismus (Volkskörper),
  • wertet die Volksgemeinschaft als privilegiertes Kollektiv und
  • sieht die jeweils aktuelle Generation als durch die Geschichte verpflichtete Erben an.
Narrative Konstruktionen dieser Art finden wir in vielerlei Kontexten, in Sachbüchern, Geschichtsmagazinen, Zeitungen, Musiktexten, Spielfilmen, Internetforen, -blogs und -kommentaren sowie in YouTube-Videos und anderen Video-Dokumentationen und in der Alltagskommunikation. Sie sind für Teile der Bevölkerung attraktiv, weil sie dem Einzelnen ein relativ leicht verstehbares Identifikationsangebot machen. Die Erzählmuster decken sich zu großen Teilen mit der Sehnsucht nach einer stabilen Verortung ihres Ichs in einer überschaubaren, wenig komplexen und vor allem homogenen Ordnung.
Angesichts der Krisen, die durch Modernisierung, Digitalisierung, Globalisierung, Migration und Individualisierung ausgelöst wurden und werden, erscheint vielen diese Ordnung erschüttert. Bei vielen manifestiert sich diese Erfahrung in einer sozialen Kränkung, sie mündet in dem Gefühl, im „eigenen Land nur noch „Bürger zweiter Klasse zu sein. Eine Stabilisierung des Ichs wird hingegen erreicht, wenn man sich selbst im Kontinuum der Geschichte aufgehoben fühlt. Die Geschichte erhält so einen Sinn. Jörn Rüsen nennt diese Art der Sinnbildung traditionales Erzählen (Rüsen 2013, 210f.). Dessen Kern liegt in der Erzählung von der Dauer im Wandel, beispielsweise vom deutschen Volk, das seit vielen Jahrhunderten den Gefahren und Bedrohungen, die der Wandel und Krisen mit sich brachten, erfolgreich getrotzt habe. Die Geschichte darüber ist die Versicherung, dass man gemeinsam schlimme und großartige Zeiten durchlebt habe und dies auch in Zukunft tun werde. Vorausgesetzt, jeder halte sich an die überlieferten Werte und Bräuche. Joachim Paul, bildungspolitischer Sprecher der AfD im Landtag von Rheinland-Pfalz, brachte diesen Gedanken 2016 auf den Punkt: „Wenn Geschichte nicht identitätsstiftend wirken soll, lässt man ein wertvolles Instrument der Integration links liegen. Integration kann nicht gelingen, wenn die Stiftung von Identität kein Lernziel an sich ist und multiperspektivisch der Beliebigkeit ausgesetzt wird.
...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen