5. – 13. Schuljahr

Wolfgang Hackenberg/Kerstin Lochon-Wagner

Frankreichs Erinnerung an Vichy

Zwischen Mythos der Résistance und dem Tabu der Kollaboration

Erinnerungskulturen sind Wandel unterworfen; sie sind selbst Teil der Geschichte. Das wechselvolle Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich wird beispielsweise bis heute von einer besonderen Art der gegenseitigen Wahrnehmung geprägt, die anhand der jeweiligen nationalen Erinnerungskulturen beobachtet und analysiert werden kann. Ein solcher Vergleich eröffnet auch den Fragehorizont nach der politischen Instrumentalisierung von Erinnerung, wie der Beitrag anhand des Beispiels „Vichy aufzeigen will.
Erinnerung und Identität
Erinnerung ist eng mit dem Begriff der „Identität verbunden. Denn der kollektiven und individuellen Erinnerung liegt das Bemühen zugrunde, die Vergangenheit zu verstehen und zu deuten, um mit der gegenwärtigen Welt besser zurecht zu kommen. ChrisJ.Bickerton schreibt in diesem Zusammenhang in Le Monde Diplomatique (2006): „Seit Frankreichs Geschichte kontrovers diskutiert wird, scheinen die Grundlagen der nationalen republikanischen Identität erschüttert; die aktuellen Debatten werfen dabei zentrale Fragen auf, z.B. über die Funktion historischer Forschung und deren Beziehung zum kollektiven Erinnern, zur moralischen Dimension von Geschichte zum Staat.
Er verweist damit auf eine Debatte im Jahr 2005 anlässlich der 200-Jahr-Feier zum Gedenken an die Schlacht von Austerlitz, welche zeitlich mit einer Debatte um die Bewertung der französischen Kolonialgeschichte zusammenfiel. In Frankreich wurde der Prozess von der Geschichtsschreibung hin zur Erinnerungskultur zunächst von Historikern und von der französischen Regierung mitangestoßen. Dies war „Ausdruck des Bemühens, die französische Geschichte nach dem Ende des historischen Minimalkonsenses vor ihren Kritikern zu schützen (Bickerton 2006).
Der französische Historiker Pierre Nora bezeichnet die Zeit von 1989 bis 2000 als „Epoche des Gedenkens und verweist in diesem Zusammenhang auf die stark angestiegene Zahl von Gedenktagen und Gedenkveranstaltungen. Im Februar 2005 verabschiedete das französische Parlament eine Ergänzung zu dem „Gesetz über die Repatriierten, welches postuliert, die französischen Geschichtsbücher sollten die positive Rolle der französischen Präsenz in seinen überseeischen Kolonien, insbesondere in Nordafrika, anerkennen. Im Zuge der Unruhen in den Vororten von Paris (November 2005) wurde die Gesetzesnovelle zum politischen Streitobjekt und die ganze Kontroverse läuft mittlerweile unter dem Titel „La querelle des mémoires (Der Streit um die Erinnerungen).
Das Beispiel Vichy
Bis heute steht Vichy für ein „Trauma, das ins kollektive Unterbewusstsein eingegangen ist (Leick 2001). Das Regime des einstigen Kriegshelden Philippe Pétain „ist das Symbol der Kollaboration (ebd.). Aus der wissenschaftlich belegten Tatsache, dass in kaum einem anderen Land die Zusammenarbeit von Besatzern und Besetzen so reibungslos funktionierte (s. Material 1a/b ), wie im Frankreich der Jahre 1940 – 1944, entstand ein politisches und gesellschaftliches Tabu. Aus diesem Tabu speist sich der Mythos einer in der Résistance vereinten französischen Nation.
Charles de Gaulle gilt als politisch mächtigster Verbreiter dieses modernen französischen Geschichtsmythos: Er verkündete nach seinem triumphalen Zug durch Paris am 26.August 1944, das ganze französische Volk habe sich gemeinsam vom Nazi-Joch befreit. Dies wurde bereitwillig seitens der Bevölkerung aufgenommen, und so wandelten sich die Franzosen über Nacht in ein Volk heroischer Widerstandskämpfer: Frankreich unterlag demnach auf Grund einer unfähigen Führung und parteipolitischer Flügelkämpfe den besseren deutschen Waffen. Zu Vichy äußerte sich de Gaulle am 25.August1944: „Die Republik hat nie aufgehört zu existieren. Vichy ist null und nichtig.
Der amerikanische Historiker Robert Paxton dekonstruierte den Mythos 1973 in seinem...

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