10. – 13. Schuljahr

Jürgen Möller

Durch keine Ergänzung zu retten?

Hellmut Diwalds „Geschichte der Deutschen als Beispiel revisionistischer Geschichtsschreibung

Der 1993 verstorbene Historiker Hellmut Diwald ist einer der bekanntesten Revisionisten. Anders als Autoren aus der wissenschaftlichen Schmuddelecke wie Ernst Zuendel oder Außenseiter wie David Irving handelte es sich bei Diwald um einen Lehrstuhlinhaber einer deutschen Universität. Er konnte zudem mit seiner Wallenstein-Biographie einen bemerkenswerten Publikumserfolg erzielen, bevor er mit seiner 1978 erstmals erschienenen „Geschichte der Deutschen in ein revisionistisches Fahrwasser geriet.
Mit einer laut Verlagswerbung rasch auf über 100000 Exemplare gestiegenen Auflage war dieses Buch sein wahrscheinlich erfolgreichstes, aber von der Fachwelt fast unisono abgelehntes Werk. Es dürfte aufgrund seiner weiten Verbreitung auf das Geschichtsbewusstsein des konservativen Teils der Bevölkerung der Bundesrepublik der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre einen kaum zu überschätzenden Einfluss gehabt haben.
Zeitgenössische Kritik
Die heftige Kritik richtete sich weniger gegen den Versuch, die Geschichte der Deutschen scheinbar gegenwartsgenetisch „rückwärts zu schreiben, also beginnend mit der Nachkriegszeit und endend mit den Ottonen. Auch die insgesamt konservative Ausrichtung des Werkes, die sich in zahlreichen Urteilen ausdrückte etwa über die Novemberrevolution von 1918 oder die unkritische Vereinnahmung der Ottonen als „deutsche Kaiser wäre im Ullstein-Verlag als solche kaum bemerkenswert gewesen. Die Kritik entzündete sich an anderer Stelle und erschien erstmals in Form einer längeren Rezension im SPIEGEL von Georg Wolff (43/1978), in der dieser insbesondere das mit „Die Endlösung überschriebene Kapitel über den Genozid an den europäischen Juden als unverantwortlich bezeichnete.
Blickt man aus heutiger Sicht auf diese Darstellung, so erscheint die Empörung immer noch völlig berechtigt, denn die Darstellung Diwalds enthält zahlreiche Elemente, die für revisionistische Geschichtsschreibung konstituierend sind: Herunterspielen der Opferzahlen, falsche Angaben, das Arbeiten mit dubiosen und nicht hinreichend kontextuierten Quellen, Anbieten von Leerstellen, die vom Leser in der gewünschten Weise gefüllt werden sollen u.v.a.m.
Weitere, überwiegend vernichtende Rezensionen und Leserbriefe in den überregionalen Zeitungen, zum Teil aus der Feder von renommierten Historikern wie Karl Otmar von Aretin oder Golo Mann, folgten. Bei allen Unterschieden im Detail hatten sie eines gemeinsam: Kritisiert wurden der revisionistische Tonfall insgesamt und insbesondere das Kapitel zum Holocaust.
Die Proteste waren so heftig und auch langanhaltend, dass sich der Verlag gezwungen sah, den Autor um eine Überarbeitung zu bitten, die dieser, wenngleich nur in einer stillschweigenden Form, auch lieferte.
Die Überarbeitung
Bereits zu Beginn des Jahres 1979 erschien eine überarbeitete Auflage, die sich allerdings nur auf das am heftigsten in die Kritik geratene Kapitel „Die Endlösung bezog. Gerüchten zufolge hatte sich der offenbar um seinen Ruf fürchtende Verlag eine gründliche Überarbeitung auf mehr als 200 Seiten gewünscht, war aber beim Autor auf taube Ohren gestoßen, der sich nur zu einer Überarbeitung der genannten drei Seiten bereitfand. Insgesamt zeigte sich Diwald in einem Interview mit der „Welt betroffen von dem öffentlichen Aufschrei, zeigte aber zugleich tiefes Unverständnis dafür, wie man ihn so habe missverstehen können.
Wurde in der ersten Auflage der Begriff „Völkermord noch sorgfältig vermieden, so bekannte Diwald in der Überarbeitung klar, dass von deiner Vernichtung der europäischen Juden gesprochen werden musste. Beseitigt wurden ferner die groben Fehler, wie etwa die Behauptung, bei den Gaskammern in Dachau handele es sich um nachträglich eingebaute „Attrappen. Stattdessen verweist der Autor mit dem Bezug auf das politische Testament...

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