5. – 13. Schuljahr

Tobias Kuster

Der „Wucherjude

Dekonstruktion eines wirkmächtigen antisemitischen Stereotypenkomplexes

Der antisemitische Topos vom reichen, wuchertreibenden Juden hat eine lange Tradition und ist bis in die Gegenwart hinein wirkmächtig. Das negative Bild vom jüdischen Händler, Kaufmann, Geldverleiher und Bankier diente mythisch überhöht antisemitischen Praktiken. Schülerinnen und Schüler können durch die Beschäftigung mit diesem historischen Phänomen exemplarisch den Fragen nachgehen, wie antisemitische Stereotype entstehen, welche Funktionen sie für wen erfüllen und warum sie bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert sind.
Das antisemitische Bild vom reichen, jüdischen „Wucherer
Die meisten Juden in Europa waren nicht reich. Diese Tatsache ist jedoch nicht Bestandteil einer wirkmächtigen Vorstellung geworden. Dies mag daran liegen, dass bezüglich der armen Mehrheit der jüdischen Bevölkerung nur wenige Quellen erhalten sind.
So waren Juden im mittelalterlichen Europa entgegen gängiger Vorurteile in vielen Gewerbebereichen auch außerhalb des Geldhandels tätig, zum Beispiel als Handwerker oder Ackerbauern. Sie trugen als Kaufleute vor allem durch ihre weitreichenden Handelsbeziehungen und dem Angebot von Waren für den alltäglichen Gebrauch zum Wohlstand und zur Entwicklung der Städte und Gemeinden bei. Vom 10. bis 14. Jahrhundert entwickelten sich vor allem in den Bischofssitzen am Rhein gefördert und geschützt durch Kaiser und Bischöfe ein reges kulturelles Leben in jüdischen Gemeinden. Einen großen Einschnitt erfuhr das jüdische Leben in Europa durch Pogrome nach dem Kreuzzugsaufruf durch Papst UrbanII. (am 27. November 1095 im französischen Clermont). DerAufruf löste eine große Begeisterung auch unter dem einfachen Volk aus, die in Fanatismus umschlug und sich gegen die „Andersgläubigen im eigenen Land richtete (bpb 2010).
Damit einher ging ein wachsender christlicher Antijudaismus, der die religiöse Minderheit als „Gottesmörder verfolgte und ihre Rechte einschränkte. Dies hatte strukturelle Auswirkungen auf die jüdischen Gemeinden. Nach innerkirchlichen Reformen galt ab 1179 das allgemeine Verbot für Christen, gegen Zinsen Geld zu verleihen. Für jüdische Händler, die diesem Verbot nicht unterlagen, bot sich dadurch eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen andere städtische Berufe waren nun vor allem Mitgliedern christlicher Handwerkszünfte oder Kaufmannsgilden vorbehalten. Auch die Nutzung von ländlichem Grundbesitz war für Juden sehr eingeschränkt möglich, da sie keine Arbeitskräfte beschäftigen durften. Die wirtschaftliche Bedeutung der Juden in den neu entstehenden Städten des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts in dieser neuen Rolle sei es als Händler, Geld- und Pfandleiher oder Verwalter von Münzstätten darf nicht unterschätzt werden. Sie zeigte sich in der marktnahen Lage des Judenviertels, die noch heute in vielen Altstädten nachvollzogen werden kann (bpb 2010).
Die jüdische Minderheit erfüllte in der Folge zwei „Funktionen. Zum einen deckte sie den Geldbedarf für die wachsende Wirtschaft trotz des Zinsverbotes, zum anderen konnte sie gerade dadurch als Sündenbock diskriminiert und verfolgt werden (Geiger 2013, S. 11). Wer nirgends mehr einen Kredit bekam, konnte bei Juden gegen Zinsen Geld leihen. Die Konnotation von „Juden-Geld und das stereotype Bild des habgierigen und betrügerischen „jüdischen Wucherers haben hier ihren Ursprung und im Laufe jahrhundertelanger kultureller Praxis einen ganzen Mythenkomplex gestaltet, der bis in die Gegenwart mit dem Klischee vom „jüdischen Wucherer als Kaufmann oder Kleinhändler und seit der Neuzeit mit dem Stereotyp vom „jüdischen Bankier verknüpft ist (Benz 2015, S. 18ff. u. 29ff.).
Ein prominentes Beispiel dafür ist Martin Luther, der Juden im Rahmen eines zeittypischen religiösen Antijudaismus „Geldgier und „Wucher vorwarf. Ebenfalls bekannt ist die jüdische Bankiersfamilie Rothschild. Im...

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