5. – 6. Schuljahr

Michael Sauer

Quelle oder Darstellung?

Quellengattungen erkennen, Quellenarbeit erproben

Grundlage unseres heutigen Geschichtsunterrichts ist Quellenarbeit. Schülerinnen und Schüler sollen über die Interpretation von Quellen zu eigenen Deutungen historischer Sachverhalte gelangen. Sie vollziehen damit so die zugrunde liegende Idee als „kleine Forscher den für das Fach bzw. die Forschungsdisziplin Geschichte fachspezifischen Prozess der Erkenntnisgenerierung nach, so wie es beispielsweise im Fach Physik mit der Durchführung von Experimenten geschieht.
Fundamentale Voraussetzung dafür ist, dass Schülerinnen und Schüler über ein Konzept von „Quelle verfügen und dieses von einem Konzept „Darstellung abgrenzen können. Außerdem sollen sie einzelne Subgattungen von Quellen unterscheiden und ihren jeweiligen Quellenwert einschätzen können.
Wünschenswert wäre eine solche (Sub-) Gattungsspezifik auch für Darstellungen. Denn ein weiterer Anspruch an den modernen Geschichtsunterricht besteht ja darin, Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Bereichen und Formaten von Geschichtskultur bekannt zu machen und sie gewissermaßen zu mündigen „Geschichtskulturverbraucherinnen und -verbrauchern werden zu lassen. Allerdings ist eine systematische Befassung mit geschichtskulturellen Phänomenen im Geschichtsunterricht bisher noch kaum etabliert.
Grundlegende Begriffsklärungen
Quellen sind Hinterlassenschaften vergangener Zeiten, die uns Aufschlüsse über diese geben können; Darstellungen sind Beschreibungen und Deutungen dieser Zeit aus späterer Sicht. Deshalb ist eine konsequente begriffliche Unterscheidung von „Quelle und „Darstellung für den Geschichtsuntericht und auch für das Schulbuch zen-tral. Vielfach sind in offiziellen Vorgaben oder in der individuellen Praxis Begriffe wie „Primär- und Sekundärquelle, „Primär- und Sekundärtext oder „Primär- und Sekundärliteratur in Gebrauch. Diese sind allerdings eher dazu geeignet, Verwirrung in Schülerköpfen zu stiften.
Primär- und Sekundärquellen
Zwar differenziert man in der Geschichtswissenschaft zuweilen auch zwischen Primär- und Sekundärquellen: Sekundärquellen überliefern uns Primärquellen, die selbst nicht mehr greifbar sind; Sekundärquellen sind zeitlich weniger nah als Primärquellen am historischen Geschehnis, um das es geht oftmals handelt es sich, wie bei antiken Geschichtsschreibern, in ihrer Zeit um Darstellungen, die für uns zu Quellen geworden sind.
Wenn jedoch im alltäglichen unterrichtsbezogenen Sprachgebrauch der Begriff „Sekundärquellen verwendet wird, sind damit gerade nicht Quellen, sondern heutige Darstellungen gemeint ein solcher Begriffsgebrauch führt in die Irre. Und die Einteilung in Primär- und Sekundärtexte oder -literatur ist in den Literaturwissenschaften, aus denen sie kommt, sinnvoll; auf Geschichte passt sie schlecht, schon allein deswegen, weil es ja auch andere Quellen als Texte gibt. Ungünstig ist auch die Verwendung des Begriffs „Quelle im Sinne von „Nachweis oder „Fundort („Internetquelle). Die Geschichtslehrkraft sollte hier in ihrem Sprachgebrauch genauer und sensibler sein, als dies vielleicht Lehrkräfte anderer Fächer sein müssen, um auf diese Weise auch ein präzises Begriffsverständnis bei ihren Schülerinnen und Schülern zu entwickeln.
Quellen und Darstellungen
Freilich lässt sich eine dichotomische Trennung von Quellen und Darstellung nicht säuberlich durchhalten. Denn Darstellungen sind zwar in einer späteren Zeit als jener entstanden, auf die sie sich beziehen. Diese spätere Zeit muss aber keineswegs unsere heutige sein. Darstellungen älteren Datums können für uns wiederum zu Quellen werden. Beispielsweise war Theodor Mommsens Römische Geschichte, 1854 bis 1856 erschienen, zur Zeit ihrer Entstehung eine Darstellung; heute kann sie für uns auch eine Quelle für das Rombild des 19. Jahrhunderts sein. Es ist also eine Frage des jeweiligen Erkenntnisinteresses, ob wir solche älteren...

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