5. – 6. Schuljahr

Heike Wolter

Geschichte am laufenden Meter

Erste Schritte hin zu einem historischen Zeitverständnis

Geschichte am ‚laufenden Meter zu betrachten ermöglicht Lernenden, erste Schritte von einem linearen (physikalischen) hin zu einem historischen Zeitverständnis zu machen. Dazu wird die Fähigkeit, mit einer Zeitleiste umzugehen (rezeptiv) und diese zu gestalten (produktiv), geschult.
Schülerinnen und Schüler kennen den Meterstab bereits aus dem Mathematikunterricht der Grundschule, ggf. auch aus dem privaten Leben. In der Unterrichtseinheit geht es darum, solch einen Meterstab in eine Zeitleiste zu verwandeln, die auf der einen Seite 2000 Jahre abbildet (1 Jahr = 1 Millimeter) und auf der anderen Seite 100 Jahre (1 Jahr = 2 Zentimeter).
Im Unterrichtsvorschlag geht es um vier zentrale Fragestellungen:
Erstens: Wie orientieren wir uns in der Geschichte, wie teilen wir Geschichte ein (Zeitleiste, Zeitrechnung, Epochen)? Die Einteilung des Meterstabes und damit die Umrechnung von Millimetern/Zentimetern in Jahre ermöglicht eine Wahrnehmung von Zeit als etwas Fortlaufendes. Auf dem Meterstab können durch die Schülerinnen und Schüler Ereignisse und Epochen abgebildet werden.
Zweitens: Was hat Vergangenheit mit der Gegenwart und mit uns zu tun? Die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass sie Teil der Geschichte sind. Sie finden ihren Platz auf der Zeitleiste und erkennen diese als Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart (sowie ggf. Zukunft). Sie erfahren den Meterstab als Ausschnitt aus der Geschichte, denn es gibt eine nicht dargestellte Vergangenheit (älter als 2000 Jahre) und eine nicht dargestellte Zukunft (ab Gegenwart).
Drittens: Wie lässt sich diagnostizieren (und anschließend aufgreifen), was Schülerinnen und Schüler zu Beginn der 5./6. Klasse im Hinblick auf Geschichte wissen, können und denken? In der Frage nach historischen Ereignissen oder Prozessen, die Schülerinnen und Schüler bereits kennen, zeigt sich, welche Vorkenntnisse die Lernenden mitbringen. Diese willkürlichen Ausschnitte aus der Geschichte sollen anschließend auf dem Meterstab verankert werden. Die Angaben werden ggf. mit Unterstützung durch die Lehrkraft im Rahmen einer Plenumsdiskussion chronologisch geordnet (Temporalbewusstsein). Dabei wird auch klar, dass manche Nennungen auf der Zeitleiste aufgrund ihres Zeitpunktes in der Geschichte keinen Niederschlag finden, andere hingegen auf beiden Seiten der Zeitleiste (2000 Jahre, 100 Jahre) aufgetragen werden können.
Viertens: Wo begegnen wir ‚Geschichte in der Gegenwart (Geschichtskultur)? Hier steht im Mittelpunkt, woher und warum die Schülerinnen und Schüler gerade jene Ausschnitte aus der Geschichte kennen, die sie genannt haben. Deutlich wird, dass Vergangenheit unterschiedlich intensiv gedeutet und gesellschaftlich verhandelt wird, denn die Dichte bekannter Ereignisse und Prozesse unterscheidet sich je nach Epoche.
Unterrichtsverlauf
Einstieg: Die Schülerinnen und Schüler erhalten einen Meterstab (möglich als Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit). Die Lehrkraft fragt, ob und wie man daraus eine Zeitleiste machen kann. Im Anschluss an die Diskussion kann ein Beispiel für ‚Geschichte am laufenden Meter gezeigt werden. Dieses kann von der Lehrkraft selbst produziert oder käuflich erworben (‚Historischer Zollstock) sein.
Erarbeitung 1
Die Schülerinnen und Schüler erhalten den Auftrag, den Meterstab in Zeiteinheiten zu unterteilen. Klebepunkte in Blau markieren die Maß-/Zeiteinheiten. Die Lehrkraft gibt dabei die beiden zu gestaltenden Zeitabschnitte vor: Auf der Vorderseite des Meterstabes sollen 100 Jahre (Jahr x bis Gegenwart), auf der Rückseite 2000 Jahre (Jahr 0 bis 2000) abgebildet werden.
Erarbeitung 2
Im Folgenden sollen die Lernenden sich selbst und ggf. ihre Familie in der Geschichte verorten. Sie können sich selbst als Figur (an einer Klammer) kreieren, die dann in der Vergangenheit wandern kann. Mit weißen Aufklebern können wichtige...

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