9. – 13. Schuljahr

Yvonne Brieger

Eine Fotoikone analysieren

Das Torhaus von Auschwitz-Birkenau von Stanisław Mucha

Bilder umgeben uns in allen Lebensbereichen und -lagen. Durch den technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte haben sich die Möglichkeiten der Visualisierung, Produktion, Distribution und des Konsums vervielfacht (vgl. Hamann 2007, S. 11). Gleichzeitig haben sich aber auch die Möglichkeiten zur Entfremdung und Manipulation von Bildern, beispielsweise zur Verbreitung von Fake News, erweitert. So steht der kontinuierlich ansteigende technische Fortschritt der Bildproduktion im Kontrast zu den häufig nur minder entwickelten Kompetenzen zur reflektierten Bildrezeption. Bilder laden etwa, inmitten der Bilderflut, zu einer flüchtigen und oberflächlichen Bildbetrachtung ein, was die unreflektierte Übernahme von kollektiven Deutungsmustern zur Folge haben kann (vgl. Hamann 2001, S. 92).
Die historisch-politische Bildung muss somit darauf abzielen, die Lernenden mit Kompetenzen auszustatten, die dem schnellen Konsum der Bildermengen entgegenwirken und zur Bildkompetenz führen. Um dies zu erreichen, muss die Auseinandersetzung mit der Fotografie intensiviert werden (vgl. Hamann 2001, S. 94). Dies kann durch die Änderung von Sehgewohnheiten, das Richten des Blickes auf das Detail und die Verlangsamung der Bildwahrnehmung gefördert werden. Der Blick ist demnach nicht nur auf das Abgebildete, sondern auch auf die Gestaltung und Komposition zu richten, wodurch der Quellenstatus in Gänze erfasst werden kann. Fotos bilden somit nicht nur etwas ab (Signifikat, das Gezeigte), sondern tun dies auch auf eine bestimmte Art und Weise durch ihre Komposition (Signifikant, das Zeigende). Um den Quellenstatus von Fotografien in Gänze zu erfassen, muss der Fokus auf beides, den Signifikat und den Signifikanten, gelegt werden (vgl. Hamann 2007, S. 64ff.).
Kanonische Fotografien und das Torhaus von Auschwitz-Birkenau
Besonders bei kanonischen Fotografien ist ein geschulter Blick erforderlich, da diese bereits ein kulturelles Narrativ anbieten (vgl. Hamann 2017, S. 159). Die für eine Gesellschaft von hoher Bedeutung geprägten kanonischen Fotografien fallen vor allem durch den signifikanten Inhalt und ihre prägnante Form auf (vgl. Paul 2008, S. 33). Das Torhaus von Auschwitz-Birkenau stellt ein solches kanonisches Foto dar. Es ist Teil einer Serie von insgesamt 38 Aufnahmen des befreiten Konzentrationslagers und wurde zwischen Mitte Februar/Mitte März 1945 von dem polnischen Fotografen von Staniław Mucha aufgenommen. Die Fotografie sticht zunächst durch ihren symbolischen Inhalt hervor. Im kulturellen Gedächtnis steht das Lagertor etwa stellvertretend für Auschwitz und somit für den Holocaust, Antisemitismus und Völkermord (vgl. Hamann 2011, S. 124).
Auf den ersten Blick erscheint das Foto wenig komplex: Zu erkennen ist ein Tor, in das verschiedene Bahngleise münden. Dass das Foto eine Deutung nahelegt und ein kollektives Narrativ mitschwingt, welches im kulturellen Gedächtnis verankert ist, wird nur durch eine genaue Betrachtung und Analyse des Fotos deutlich. Gerade das Zusammenspiel von Inhalt, Komposition, Bildrezeption und Bilderkanon stellt den Mehrwert des Einsatzes von kanonischen Fotografien im Geschichtsunterricht dar (vgl. Hamann 2007, S. 57).
Didaktische Überlegungen
Die Materialien zur Unterrichtseinheit zielen im Sinne der Ausbildung der visuellen Kompetenz darauf ab, das bewusste Gemachtsein der Fotografie sowie die Bedeutung des Zusammenwirkens von Abbild und Ikonografie herauszustellen. Auf diese Weise werden die Lernenden dazu angeleitet, eine Oberflächenbehandlung zu durchbrechen. Das von Stanisław Mucha erstellte Foto des Torhauses von Auschwitz-Birkenau ist dafür besonders geeignet, da neben dem Abgebildeten vor allem die Komposition der Fotografie dazu beiträgt, dass sie in den Bilderkanon des kulturellen Gedächtnisses aufgenommen wurde. Das Foto verfügt somit über eine Vielschichtigkeit,...

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