1. – 13. Schuljahr

Jan Scheller

Eine Drehscheibe von 1934

Stundenplan und Lineal als Propagandainstrumente

Schülerinnen und Schüler sind in der Weimarer Republik sowie während des Nationalsozialismus nicht nur in ihren Schulbüchern über den Charakter des Versailler Vertrages ‚aufgeklärt worden. Auch über eine Drehscheibe, die um 1934 von der Lindner GmbH aus Berlin-Schöneberg produziert wurde, sollten sie politisch beeinflusst werden. Auf der Rückseite konnte der eigene Stundenplan eingetragen und durch eine Skalierung an der Längsseite zusätzlich als Lineal eingesetzt werden, sodass das Medium für verschiedene zielgruppenorientierte Tätigkeiten verwendet werden konnte.
Im Beitrag wird die Drehscheibe zunächst historisch eingeordnet. Anschließend wird sie inhaltlich analysiert und ihr Potenzial für den Geschichtsunterricht skizziert.
Zur historischen Einordnung
Interessanterweise blieb die Machtübernahme 1933 zunächst ohne umwälzende Auswirkungen auf den Geschichtsunterricht. Lehrpläne und Schulbücher aus der Weimarer Republik behielten ihre Gültigkeit (Selmeier 1969, S. 107 ff.). Auch hinsichtlich der Deutung des Versailler Vertrages bestand Kontinuität. Dies hatte personelle und programmatische Gründe. Personell, da die Lehrpersonen in der Kaiserzeit sozialisiert wurden und ihr deutsch-nationales Geschichtsbild weiterhin vermittelten. Programmatisch, da schon in der Weimarer Republik der Erste Weltkrieg als kollektive Identitätskrise nationale Selbstbehauptungsbedürfnisse weckte und auch in der schulischen Erziehungspraxis eine große Rolle spielte (Gies 2004, S. 58, 64). Zwei Beispiele mögen dies illustrieren:
  • Die Ablehnung des Versailler Vertrages wurde bereits in den 1920er- Jahren als volkspädagogische Aufgabe gesehen, „denn dieser ‚Frieden habe Deutschland zu einem halb-erdrosselten Opfer gemacht (Friedrich 1920, S. 437 ff; zit. n. Gies 1992, S. 47).
  • 1929 machte es der Deutsche Philologenverband seinen Mitgliedern zur Pflicht, „die Revision des Friedensdiktats von Versailles und insbesondere den Kampf gegen die Schuldlüge zu betreiben (vgl. Deutsches Philologenblatt 1929, S. 277).
Ab 1933 wurde das vermittelte Geschichtsbild daher lediglich in Nuancen verändert und an die NS-Ideologie angepasst. So wurden Elemente hinzugefügt, die zur Mobilisierung für einen erneuten Krieg dienen sollten. Dazu zählten kriegsverherrlichende Darstellungen, die Selbstverständlichkeit eines Opfertodes für die Nation in der Vergangenheit sowie die verstärkte Thematisierung des Schicksals der „Auslanddeutschen.
Bilanzierend war der Versailler Vertrag bereits kurz nach seinem Inkrafttreten ein beherrschendes Thema des Geschichtsunterrichts. Zur ungefähren Entstehungszeit der Quelle wurde er, gemäß dem Rahmenplan 1939, sogar in zwei verschiedenen Klassenstufen der Volksschule (über 90% der Heranwachsenden besuchten diese Schulform) thematisiert. In der 5. Klasse („Folgen des Diktats von Versailles, „Zusammenbruch und Leidensweg nach dem Schandvertrag) und in der 8. Klasse („Deutschlands Not und Erniedrigung) wurde er jeweils in eine eschatologische Narration vom „schmachvollen Ausgang des Ersten Weltkriegs bis zur „glanzvollen Machtübernahme der NSDAP eingebunden (Gies 1992, S. 32f.).
Analyse der Drehscheibe
Im Fokus der Drehscheibe stehen die verlorenen Gebiete, dabei werden Fläche und Einwohnerzahl sowie Getreideflächen aller verlorenen Gebiete in der Startposition der Drehscheibe benannt. Hier findet sich sowohl der Bezug zu den „Auslanddeutschen als auch der Lebensraumpolitik, indem die Fläche als Siedlungs- und Ackerfläche konnotiert wird. Durch die Einfärbung der „deutschen Sprachgebiete wird nochmals auf die „Auslanddeutschen hingewiesen.
Beim Drehen des Rads können die Flächen- und Einwohnerverluste an die Nachbarländer in Erfahrung gebracht werden. Die betreffenden Regionen sind rot eingefärbt. Zusätzlich sollte durch die Angabe der in Europa lebenden Deutschen und die Aussage, dass jeder 6....

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