7. – 13. Schuljahr

Heike Wolter

Wer wir sind, wer wir sein wollen

Das Selbstbild der französischen Gesellschaft im Spiegel von Nationalfeiertagen

Nationalfeiertage sind symbolisch stark aufgeladene Zeichen der Erinnerungskultur. Sie erinnern an ein Datum von historischer Bedeutung, an dem die (scheinbare) Gemeinschaft der Menschen eines Staates besonders deutlich wurde, oder in der Rückschau besonders deutlich werden soll.
In Frankreich ist dies der 14. Juli (1789/1790; Amalvi 1997, S. 386f.) als Verweis auf den Sturm auf die Bastille. Dieser wird als Ausgangspunkt der Französischen Revolution betrachtet, die mit den zentralen Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Verbindung gebracht wird. In den USA einem weiteren Land mit einer ausgeprägten Nationalfeiertagstradition gilt der 4. Juli (1776) als bedeutsam. An diesem Tag wurde die Unabhängigkeitserklärung der damals dreizehn Kolonien durch den Kontinentalkongress ratifiziert. Die gemeinschaftsstiftende Wirkung gerade der Nationalfeiertage in Frankreich und den USA wird von vielen Staaten als Vorbild gesehen, sodass in fast allen Ländern der Welt ein Nationalfeiertag festgelegt ist.
Ungleich gebrochener als in Frankreich ist die deutsche Geschichte von Nationalfeiertagen (Breuss/Liebhart/Pribersky 1997, S. 409  –  416). Deutschland erst ab 1871 Nationalstaat erkor im Laufe der Zeit und in Abhängigkeit von unterschiedlichen politischen Strömungen und nationalen Entwicklungen verschiedene Tage zu nationalen Feiertagen (s. Hintergrundinformationen online).
Die kurzen historischen Abrisse zeigen, dass Nationalfeiertage zentraler Ausdruck einer nationalen Identität sein können. Dies bedeutet, dass Menschen insbesondere auch durch solche Tage „imagined communities (Anderson 1991) bilden, gedachte Gemeinschaften. Diese beruhen nicht auf persönlicher Verbindung, sondern auf der Vorstellung gemeinsam (emotional) erinnerter Geschichte, geteilten Überzeugungen und typischen Verhaltensweisen. Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat dies so zusammengefasst: „Gesellschaften imaginieren Selbstbilder und kontinuieren über die Generationenfolge hinweg eine Identität, indem sie eine Kultur der Erinnerung ausbilden; und sie tun das dieser Punkt ist für uns entscheidend auf ganz verschiedene Weise (Assmann 2007, S.18). Aleida Assmann hat diese Beschreibung ergänzt, indem sie deutlich machte, dass nicht nur verschiedene Gesellschaften unterschiedliche Erinnerungskulturen ausprägen, sondern auch Erinnern an sich einem Wandel unterliegt (Assmann 2006, S. 134f.). Demnach entstehen „erfolgreiche Nationalfeiertage auch, weil sie einerseits historische Rückbezüge (Traditionsbildung) ermöglichen und sich andererseits gemäß aktuellen und zukünftigen Herausforderungen neu erfinden.
Für Frankreich ist, mit dem vorliegenden Unterrichtsvorschlag, dieser Wandel sehr deutlich erkennbar. Während die Motive der französischen Revolution vor allem Einheit und Freiheit, die zudem für ganz Europa den Auftakt der Moderne darstellen traditioneller Bestandteil der Nationalfeiertagsrhetorik von 1790 bis heute sind (Simon 2010, S. 214), werden je nach aktueller Lage weitere Ziele und Werte betont. So ist beispielsweise die Verbindung mit politischen Ereignissen wie Kriegsende (Amalvi 1997, S.415  –  417), mit geopolitischen Veränderungen wie Unabhängigkeit früherer Kolonien, europäische Einigung (Simon 2010, S. 342  –  346) oder mit kulturellen Gesichtspunkten (Fußballweltmeisterschaft) als stetige Aktualisierung der „imagined community zu verstehen.
Unterrichtsdramaturgie
Einleitung
Zum Beginn der Stunde steht an der Tafel der unvollständige Satz: „Am Nationalfeiertag …“. Die Schülerinnen und Schüler sollen davon ausgehend äußern, was sie am letzten deutschen Nationalfeiertag gemacht haben. Vermutlich werden sie Schwierigkeiten damit haben, weil an diesem Tag in ihren Augen nichts Besonderes stattfand außer dass sie nicht zur Schule gehen mussten....

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