5. – 13. Schuljahr

Philippe Weber

Eine neue Ordnung! Aber welche?

Reden der Französischen Revolution weiterschreiben

Reden wurden in der Französischen Revolution zum zentralen Medium, mit dem neue politische Ordnungen entworfen wurden. Wenn Schülerinnen und Schüler revolutionäre Reden weiterschreiben, lernen sie Ordnungsentwürfe der Französischen Revolution nicht nur kennen, sondern sie verstehen auch, weshalb diese erfunden wurden.
Sachanalyse
Die Französische Revolution war ein „Laboratorium der Moderne (Thamer, 2013, S. 7). In den wenigen Jahren der Revolution wurden politische Ordnungen entworfen, an die im Verlauf des 19., 20. und 21. Jahrhunderts immer wieder angeknüpft werden sollte. Der aufklärerische Glaube an die freie Gestaltbarkeit gesellschaftlicher und politischer Ordnung, wie er sich im Verlauf der Revolution durchsetzte, führte immer wieder zur Frage, welche Ordnung gelten und mit welchen Verfahren sie bestimmt werden sollte.
Die amerikanische Historikerin Lynn Hunt hat in ihren kulturwissenschaftlich orientierten Arbeiten aufgezeigt, dass der revolutionäre Prozess des Suchens einer neuen Ordnung bis zur napoleonischen Herrschaft nicht gestoppt werden konnte, weil nicht ansatzweise ein Konsens über die neue Ordnung erzielt wurde (Hunt, 1989). Die Französische Revolution kann insofern als ein Geschehen erfasst werden, in der konstant neue politische Ordnungen erfunden wurden.
Gut fassbar wird die experimentelle Dynamik in den politischen Reden. Die Revolutionäre griffen mit der Rede auf ein Medium zurück, mit dem seit der römischen und griechischen Antike politische Ordnungen bestimmt und legitimiert wurden.
Die revolutionären Reden waren dementsprechend auch an klassischen Formen und Inhalten der Rhetorik orientiert. Dennoch brachen sie an einem zentralen Punkt mit antiken und alteuropäischen Traditionen: Die politische Rede wurde zum Kommunikationsmittel für die Gestaltung einer offenen Zukunft, einer neuen politischen Ordnung. Mirabeaus Antrag vom 23. Juni 1789 auf Redefreiheit und Immunität für die Vertreter der Nationalversammlung machte diesen Anspruch zur Grundlage moderner politischer Kommunikation.
Die Reden der Französischen Revolution drücken nicht nur ein neues Verständnis der Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Ordnung aus, sondern sie trieben die revolutionäre Dynamik selber an. Die Redner artikulierten und verarbeiteten politische Forderungen, sie reflektierten gesellschaftliche Entwicklungen, antworteten auf Probleme der Innen- und Außenpolitik, verdichteten Bedürfnisse zu Utopien und machten aus Utopien politische Programme, kurzum: Die Rede wurde zum Medium, mit dem neue politische Ordnungen erfunden wurden.
Ihre Wirkung entfachte sie im Kontext einer zunehmend politisierten Öffentlichkeit, die aufgrund der Verschriftlichung nicht auf die Räume der Nationalversammlung, des Nationalkonvents und der zahlreichen politischen Klubs begrenzt war. Mit der Verbreitung in Flugblättern, Zeitungen und Zeitschriften erreichen sie den urbanen Raum in Paris und ansatzweise eine nationale Öffentlichkeit. Dementsprechend richteten die Redner ihr Wort spätestens ab 1791 nicht nur an die Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern auch an die breite Öffentlichkeit lesender Bürgerinnen und Bürger.
Als Spiegel und Agens des Geschehens geben die Quellen zu den politischen Reden Einblicke in die revolutionäre Dynamik, die mit Mirabeaus Forderung nach Redefreiheit entfacht wurde und sich durch die konstante Neuerfindung gesellschaftlicher Ordnung auszeichnete.
Dieser Prozess folgte keiner vorgegebenen historischen Entwicklung, wie sie die ältere Forschung meist in Tradition marxistischer Geschichtsphilosophie postulierte, sondern sie folgte dem unberechenbaren Treiben und Reden politisierter Männer und Frauen, wie dies die Forschung im Anschluss an die Arbeiten François Furets herausgearbeitet hat. Bezeichnenderweise wurde diese Dynamik erst gestoppt, als mit der napoleonischen Herrschaft die Redefreiheit...

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