11. – 13. Schuljahr

Georg Götz

Die vernünftige Zeit

Der revolutionäre Kalender

Das „Pathos des Neubeginns, das, so Hannah Arendt, jeder Revolution innewohnt, zeigt sich am französischen Revolutionskalender. Er ist der Versuch, Kernelemente der revolutionären Ideologie praktisch umzusetzen und eignet sich daher hervorragend, um diese Ideologie zu erarbeiten.
Didaktische Überlegungen
Die Reorganisation der Zeitrechnung stand immer wieder auf der Tagesordnung der verschiedenen Repräsentativkörperschaften. Dass allein in den Jahren 1795  –  1799 zu diesem Thema ca. 150 Reden gehalten wurden (Meinzer 1988, S. 26), zeigt, wie wichtig den Revolutionären dieses Thema war.
Damit steht der Kalender im Kern der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft. Sein didaktisches Potenzial liegt darin, das Revolutionäre der Revolution wie unter einem Brennglas zu zeigen. Dies wird in der vorgeschlagenen Stunde mittels einer schriftlichen Quelle und einer tabellarischen Übersicht über den neuen Kalender erarbeitet. Die Lernenden analysieren, als grundlegende fachliche Kompetenz, eine schriftliche Quelle. Durch praktische Beispiele des Umrechnens von einem Kalendersystem ins andere erkennen sie den „Konstruktcharakter von Kalendern und das Ausmaß, in dem sie den Alltag strukturieren.
Der neue Kalender war dabei etwas substantiell anderes als theoretische Deklarationen einer neuen Zeit oder Ära, mit denen Zeitgenossen erlebte Umbrüche immer wieder bezeichnen und interpretieren.
Schon am ersten Jahrestag der Erstürmung der Bastille, dem 14. Juli 1790, wurden diesbezügliche Überlegungen laut. Die gesetzgebende Versammlung wich ab 1792 vom Gregorianischen Kalender ab und datierte mit dem „3. Jahr der Freiheit, ab August 1792 mit dem „4. Jahr der Freiheit und 1. Jahr der Gleichheit und nach der Abschaffung der Monarchie am 22. September 1792 mit dem „1. Jahr der Französischen Republik (Brincken 2000, S. 45). Diese Benennungen waren im Überschwang des Augenblicks getätigt worden. Die Einführung des neuen Kalenders mit dem Kalendergesetz vom 24.11.1793 erfolgte in bedächtiger Rückschau. Sie stellt somit eine Überhöhung der revolutionären Ereignisse dar, vielmehr aber den durchdachten Versuch ihrer Verankerung im Alltag der Bevölkerung und damit der Fortschreibung der revolutionären Errungenschaften in die Zukunft.
Sachanalyse
Dezimalsystem und Natur
Im Revolutionskalender im engeren Sinne sind drei wesentliche Neuerungen zusammengefasst:
Ein neues System der Zeiteinteilung: Der Tag wurde in 10 Stunden eingeteilt, eine Stunde dauerte 100 Minuten, eine Minute 100 Sekunden. Das Jahr blieb zwar in 12 Monate eingeteilt, diese wurden aber in 3 Wochen à 10 Tage gegliedert.
Ein neuer Jahresbeginn: der 22.09.
Eine neue Nomenklatur: Die Tage und Monate des neuen Kalenders erhielten neugeschaffene Namen.
Diese Elemente wurden bereits am 14.09.1793 dem Erziehungsausschuss präsentiert. Treibende Kraft dabei war Charles-Gilbert Romme (1750 – 1795). Der Gelehrte und Konventsabgeordnete gilt als „eigentlicher Vater des Revolutionskalenders (Meinzer 1992, S. 18).
Romme versuchte, den neuen Kalender sowohl aus natürlichen Begebenheiten als auch aus dem Vernunftdiskurs abzuleiten. Die 10-Tage-Woche begründet er beispielsweise mit der „natürlichen Überlegenheit des Dezimalsystems. Die neue Woche könne an zwei Händen abgezählt werden (Meinzer 1992, S.22), die bisherige 7-Tage-Woche basiere auf Aberglauben für die Revolutionäre ein Synonym für Religion (Material 2). Er bedauerte, dass 12, nicht 10 Monate kosmisch vorgegeben seien, befürwortete aber deren neue, „vernünftige Länge von 30 Tagen. Der Konvent folgte Romme auch bei der Festlegung des Jahresbeginns auf den 22.09. Romme war wie die revolutionäre Öffentlichkeit vom Zusammenfall der Ausrufung der Republik mit der Tag-Nacht-Gleiche fasziniert (Material 2). Die parallele Entwicklung von sozialer und natürlicher Gleichheit fesselte das aufgeklärte Denken; die...

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