5. – 10. Schuljahr

Marco Dräger

Die Verfassung von 1791

Fortschritt oder Rückschritt im revolutionären Geschehen?

Die Veröffentlichung der sogenannten Panama Papers Anfang April 2016 führte zu einem weltweiten öffentlichen Aufschrei. Sie dokumentierten Steuervermeidungsstrategien von Politikern, Reichen und Prominenten. Die Kombination von Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung rückte den direkten Zusammenhang von Geld und politischer Mitbestimmung bzw. Einflussnahme wieder stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Die Unterrichtsstunde verleiht diesem Aspekt der gegenwärtigen Lebenswelt historische Tiefenschärfe: Am Beispiel des in der französischen Verfassung von 1791 verankerten Zensuswahlrechts erweist sich der Zusammenhang von Reichtum und politischer Mitbestimmung gleichsam als Konstante in der Menschheitsgeschichte. Die Historizität dieses Aspektes zu erkennen und in der gegenwärtigen Diskussion zu berücksichtigen, ermöglicht das Fällen fundierter Urteile. Diese Urteilskompetenz ist eine Voraussetzung für eine mündige und reflektierte Teilhabe am (späteren) politischen und soziokulturellen Leben. Eine derartige Verortung und Orientierung in der historischen Zeit trägt außerdem dazu bei, (Wert-)Maßstäbe für eigenes Handeln in Gegenwart und Zukunft zu entwickeln.
Didaktische Überlegungen
Die Französische Revolution gilt als „Gründungsereignis der politischen Kultur der Moderne (Thamer 2009, S. 11) und als viel zitiertes „Laboratorium der Moderne (Thamer 2009, S. 7).
Dies gilt gerade im Hinblick auf die Formen politischer Partizipation, mit denen in Frankreich im Jahrzehnt von 1789 bis 1799 experimentiert wurde – sie waren stilbildend für zahlreiche Staats- und Gesellschaftssysteme des 19. und 20. Jahrhunderts.
Dieses „Schlüsselereignis der europäischen Geschichte, diese „Geburtsstunde von Freiheit und Demokratie (beide Zitate Lachenicht 2012, S. 1), die zeitweise zu einer Umsetzung der Ideale der Aufklärung führte, gilt es näher zu betrachten. Im Hinblick auf die Aspekte Herrschaft, Staatlichkeit, Recht und Gesellschaft hält das Thema für die Lernenden nicht nur zahlreiche Strukturen bereit, die noch heute existieren. Es ermöglicht auch, widersprüchliche Phänomene aufzuzeigen und das Spannungsverhältnis von Ideal und Wirklichkeit im eingangs skizzierten Sinne lernwirksam werden zu lassen.
Am Beispiel der französischen Verfassung von 1791 arbeiten die Lernenden diese Diskrepanz zwischen der Umsetzung aufklärerischer Ideale wie Volkssouveränität und Gewaltenteilung einerseits und der Beschränkung des souveränen und wahlberechtigten Volkes auf wohlhabende Männer andererseits heraus. Dieser Widerspruch wirft die Grundfrage dieser Unterrichtsstunde auf, ob es sich bei der Verfassung von 1791 um einen Fortschritt oder einen Rückschritt im revolutionären Geschehen handelt.
Zuvor sollte daher bereits die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte behandelt worden sein, die nun mit der Verfassung von 1791 kontrastiert wird, sodass eine kognitive Dissonanz entsteht, die es im Laufe der Stunde zu lösen gilt. Dabei soll die Beantwortung der Frage keineswegs einseitig ausfallen. Es gilt, neben den offensichtlichen Mängeln der Verfassung, die weite Teile der Bevölkerung von politischer Partizipation ausschloss, auch ihre Vorzüge nämlich die Realisierung aufklärerischer Ideale herauszuarbeiten und anzuerkennen.
Historischer Hintergrund
Mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im Hinterkopf verwundert die Ausgestaltung des Wahlrechts. Waren die Generalstände 1789 noch nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählt worden (jeder männliche Franzose über 25 Jahren hatte innerhalb seines Standes wählen dürfen), so enthielt die neue Verfassung ein Zensuswahlrecht. Es trennte wahlberechtigte Aktivbürger von Passivbürgern, die lediglich Grund-, aber keine politischen Partizipationsrechte besaßen.
Ein Drittel der Männer über 25 Jahren waren Aktivbürger. Die Zuordnung hing von der Steuerleistung ab....

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