5. – 13. Schuljahr

Christiane Grüner

Der Preis der Freiheit?

Jugendliteratur über die Französische Revolution

„Die Französische Revolution lautet schlicht der Titel einer Darstellung von Hans-Ulrich Thamer, die auf nur 110 Seiten eine überzeugende Zusammenfassung des überaus komplexen Geschehens vorlegen kann. Mit Ursachen, Verlauf und Folgen wendet sich der Münsteraner Emeritus der klassischen historischen Trias zu. Im Kapitel „Die politische Kultur der Revolution geht er darüber hinaus auf weitere wichtige Aspekte ein, wie beispielsweise die Bedeutung der Medien sowie den Umsturz in der Selbstdarstellung. Das in der Reihe C.H. Wissen erschienene Bändchen ist naturgemäß nicht als Jugendbuch konzipiert. Es könnte aber durchaus eine Empfehlung für angehende Abiturientinnen und Abiturienten sein nicht nur, weil es die in Prüfungsaufgaben gern aufgegriffene Frage nach der Bedeutung der Aufklärung streift, sondern vor allem, weil es ihm trotz starker Straffung gelingt, nachvollziehbar zu machen, weshalb uns das damalige Frankreich als „Laboratorium der Moderne gelten muss. Eine Zeittafel im Anhang trägt zur Orientierung bei.
Dagegen ganz auf jugendliche Leser abgestimmt und von Till Charlier wunderbar illustriert ist „Die Französische Revolution oder der Preis der Freiheit , in der Harald Parigger sowohl die Geschichte des Marquis de Lafayette als auch die eines (fiktiven) Dienerpärchens aus seinem Haushalt, Antoine und Jeanette, erzählt (vgl. dazu den Unterrichtstipp). Sach- und Erzählkapitel sind für die „wissensdurstigen Leser (Klappentext) geschickt miteinander verschränkt. Auch die Spannung betreffend, verfügt der mehrfach ausgezeichnete Autor über sicheres (journalistisches) Gespür: Schon zu Beginn vermag die Story um den deutschen Klavierbauer Schmidt, bei dem die erste Guillotine angefertigt wurde, die Leser nachhaltig in den Bann zu ziehen. Ob der Sturm auf die Bastille, Fluchtversuch des Königs oder Sturm auf die Tuilerien es mutet beim Lesen so an, als höre man von den Ereignissen zum ersten Mal. Mit der zwielichtigen Haushälterin Farouche, dem „bösen Gegenpol zum (vielleicht in ein etwas zu helles Licht gerückten) Sympathieträger Lafayette, gibt das Buch auch Einblick in die Geschichte der Frauen.
Den Marsch der Frauen nach Versailles hat Inge Ott zum Ausgangspunkt ihres Buchs „Freiheit! gemacht. Im Jahr 1789 verlassen sechs Freunde, vier Jungen und zwei Mädchen, begeistert von den Ereignissen in der Hauptstadt, ihr kleines Heimatdorf, um sich in Paris ins revolutionäre Abenteuer zu stürzen. Auch beim berühmten „Zug der Weiber nach Versailles sind sie dabei, werden aber im allgemeinen Tumult auseinandergerissen. Erst Jahre später treffen sie sich wieder, nachdem jeder von ihnen seine eigenen, abenteuerlichen Erfahrungen gemacht hat. Der Roman umfasst die beträchtliche Zeitspanne von 1789 bis 1894. Es ist für die Lesenden nicht immer einfach, die geschilderten Einzelschicksale und damit den Strang der Erzählung zu verfolgen, zumal das Revolutionsgeschehen sich schon komplex und verwirrend genug präsentiert. In Anbetracht des vielfachen Sich-Begegnens und Wieder-Verlierens der Freunde hätte man sich manchmal eine straffere, überschaubarere Handlung gewünscht. Davon abgesehen kann „Freiheit! aber durchaus überzeugen unter anderem durch große Sachkenntnis, farbige Alltagsschilderungen, einen scharfen Blick für die sozialen Verwerfungen der Zeit und den Verzicht auf einseitige „Schwarz-Weiß-Zuschreibungen („Wir vom Adel haben Fehler gemacht!, wird der Graf des kleinen Dorfs, aus dem die sechs Hauptfiguren stammen, einmal bekennen).
Eine große Rolle im Buch spielt zudem die Dokumentation der Ereignisse: So verfasst einer der Protagonisten ein ausführliches Tagebuch, und eine andere Figur arbeitet für den Publizisten Jacques-René Hébert, was der Autorin Gelegenheit gibt, ausgiebig aus dessen Revolutionszeitung „Père Duchesne zu zitieren. Hébert ist nicht der einzige historische...

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