9. – 13. Schuljahr

Thomas Mayer

Wie erzählt ein Historiker?

Erstellen von Narrationen zur Novemberrevolution 1918

Das Ergebnis der Arbeit von Historikerinnen und Historikern sind Narrationen. Narrativität ist eine zentrale Kategorie der Geschichtswissenschaft und somit notwendigerweise auch der Geschichtsdidaktik. Nach Pandel entsteht eine Narration, wenn „[] mindestens zwei verschiedene, zeitlich differente Ereignisse sinnhaft so verknüpft [werden], dass sprachlich eine Verlaufsstruktur entsteht. (Pandel 2013, S. 92) Auf diese Weise wird Vergangenheit zur gedeuteten Geschichte (vgl. Barricelli 2012, S.257).
Didaktische Überlegungen
Sowohl die Konstruktion als auch die Dekonstruktion solcher Sinnbildungen sind wichtige Aufgaben des Geschichtsunterrichts. Schülerinnen und Schüler sollen in der Lage sein, sich kompetent und kritisch mit den Erzeugnissen der Geschichtswissenschaft und der Geschichtskultur auseinanderzusetzen. Diese Kompetenz kann erweitert werden, wenn die Lernenden selbst in die Rolle von Historikern schlüpfen, eigene Narrationen verfassen und diese kritisch bewerten. Im vorliegenden Unterrichtsbeitrag soll dies am Beispiel der Novemberrevolution von 1918 geleistet werden. Das geplante Vorhaben ist als Einstieg in das Feld der Narrativität zu betrachten und berücksichtigt daher nicht alle von Pandel (vgl. Pandel, 2013, S.95ff.) genannten Perspektiven und Kategorien. Im Zentrum steht das Temporalisieren und Deuten der Ereignisse.
Sachanalyse
Nach dem Scheitern der Frühjahrs-offensive 1918 forderte die Oberste Heeresleitung (OHL) am 29.09.1918 die Herausgabe eines Friedensangebotes an die Entente. Damit wurde deutlich, dass der Krieg für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen war, obwohl die deutschen Stellungen sich immer noch tief in belgischen und französischen Gebieten befanden. In der Hoffnung auf einen milden Frieden trat am 28.10.1918 eine Verfassungsänderung in Kraft, welche die Forderung Präsident Wilsons nach einer Demokratisierung des Reiches erfüllte. Die Motive der Militärs, die diese Reform mit angestoßen hatten, waren freilich anderer Natur. Sie wollten die demokratischen Kräfte für den verlorenen Krieg verantwortlich machen.
Obgleich diese Verfassungsnovelle bereits revolutionäre Züge trug, bot der Befehl der Marineführung vom 24.10.1918, der die deutsche Flotte in eine aussichtslose Schlacht gegen England führen sollte (Material7), den Anlass für eine Meuterei der Matrosen. Dieser Meuterei schlossen sich schnell sowohl die kriegsmüden Soldaten als auch Arbeiter an, deren Situation sich durch sinkende Löhne, Geldentwertung sowie prekäre und sozial ungerechte Lebensverhältnisse ständig verschlechterte. Zudem mag die immer noch ausstehende Reform des preußischen Wahlrechts Motivation gewesen sein. Auf diesem Nährboden konnten sich die revolutionären Erhebungen rasch ausbreiten. Es bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, die radikale gesellschaftliche Veränderungen forderten (Material 9). Am 9. November 1918 erreichte die Revolution Berlin, wo es zur doppelten Ausrufung der Republik kam. Um 14 Uhr rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann eine Republik aus, die nach westlichem Vorbild gestaltet werden sollte. Für ihn war die Revolution nun beendet, und es sollten wieder Ruhe und Ordnung einkehren (Material2). Damit kam er Karl Liebknecht vom radikalen Spartakusbund zuvor, der eine Republik nach sowjetischem Vorbild errichten wollte (Material3 ). Für ihn hatte die Revolution gerade erst begonnen. Um die aufgeladene Situation zu beherrschen, schloss Friedrich Ebert ein Bündnis mit dem Militär, das ihm Unterstützung gegen die radikale Linke zusicherte (Material8), die auch tatsächlich gegen ihn und Scheidemann mobil machte (Material 6). Während der Januarkämpfe konnte die radikale Linke mithilfe des Militärs niedergeschlagen werden (Material5), wobei die Führer des Spartakusbundes zunächst verhaftet und schließlich getötet wurden (Material8). Wenn auf diese...

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