5. – 7. Schuljahr

Manuela Homberg

Ötzi, der Mann aus dem Eis

Eine archäologische Spurensuche

Ötzi ist wohl der berühmteste Steinzeitmensch der Welt. Als archäologische Sensation hat er weltweit Bekanntheit erlangt, als Forschungsgegenstand ist er auf verschiedenste Art und Weise untersucht worden und als Museums-objekt wird er jährlich von ungefähr 230.000 Besuchern betrachtet. Seine Mumie samt Kleidung und Ausrüstung, die für ca. 5.250 Jahre auf natürliche Weise im Gletscher konserviert wurde, ermöglicht bislang unbekannte Einblicke in das Alltagsleben der Kupferzeit (Egg/Spindler 2009).
Ötzis Popularität
Zu Ötzis Popularität hat nicht nur sein wissenschaftlicher Wert beigetragen, sondern auch die mediale Berichterstattung über seine Entdeckung und die rätselhaften Umstände seines Todes (Fleckinger 2011). Als die beiden Touristen Erika und Helmut Simon die Gletschermumie am 19. September 1991 in den Ötztaler Alpen fanden, hielten sie den Toten zuerst für einen verunglückten Alpinisten. Erst später stellte sich der wissenschaftliche Wert des außergewöhnlichen Fundkomplexes heraus, der seit 1998 im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt wird und längst zum kanonisierten Lerngegenstand in den Geschichtsbüchern der Unterstufe avanciert ist.
Denn nicht nur für die Forschung, auch für Schülerinnen und Schüler ist der „Mann aus dem Eis, der dem Wissen über die steinzeitliche Lebenswelt ein Gesicht gibt, ein Glücksfall. Als exzeptioneller „Medienstar und repräsentativer Vertreter seiner Epoche stellt er einen motivierenden und facettenreichen Unterrichtsgegenstand dar, der sich für ein gelenkt-entdeckendes Lernarrangement anbietet.
Didaktische Überlegungen
Die Methode des „Mystery, die dem hier vorgeschlagenen Unterrichtsentwurf zugrunde liegt, ermöglicht auf spielerische Weise den Kompetenzerwerb im problemorientierten Geschichtsunterricht. Ausgehend von einer rätselhaften Leitfrage erschließen die Schülerinnen und Schüler ungeordnete Informationen zu einem Fallbeispiel, die ihnen in Form von Informationskärtchen zugänglich gemacht werden. Die ursprünglich von David Leat in Großbritannien für den Erdkundeunterricht entwickelte Methode hat sich inzwischen auch in der Geschichtsdidaktik etablieren können (Bernhardt 2003 und 2015).
Die archäologische Spurensuche der Schülerinnen und Schüler zum „Mystery um Ötzi orientiert sich an der historischen Fundsituation und der Forschungsarbeit der Archäologen und Historiker. In ihrer Rolle als „Zeitdetektive vollziehen die Schülerinnen und Schüler die archäologische und historische Auswertung von Quellenfunden nach. Durch die Strukturierung, Deutung und Relationierung der In-formationen zueinander entwickeln sie eigene Fragen an den Lerngegenstand und verfolgen individuellen Pfaden bei der narrativen Verwandlung von Materialien in Beweise. Die Arbeit mit Kärtchen spiegelt die Disparität der einzelnen Untersuchungsbefunde wider und ermöglicht eine individuelle Bearbeitungsfolge. Indem die Schülerinnen und Schüler eigene Fragestellungen entwickeln und gemeinsam an Heuristik und Quellenanalyse arbeiten, werden Prozesse des selbstorganisierten Lernens angebahnt.
Im Zentrum der Unterrichtssequenz steht demensprechend der reflektierte Umgang mit geschichtswissenschaftlichen Methoden, wobei der Konstruktionscharakter von Geschichte gerade dann besonders deutlich erfahrbar wird, wenn sich Untersuchungsbefunde durch fehlende Eindeutigkeit als widerständig erweisen oder gestellte Fragen aus Mangel an Quellen nicht beantwortet werden können. Indem die Schülerinnen und Schüler ihre Forscherrolle kritisch reflektieren, wird ein Bewusstsein für die methodischen Herausforderungen geschichtswissenschaftlichen Arbeitens bei der „Produktion von Geschichte angebahnt.
Sachanalyse
Die selbstständige Arbeit mit dem Material bringt den Schülerinnen und Schülern das Kriterium der empirischen Triftigkeit näher, an dem sich die Ergebnisse historischer Forschung stets messen...

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