8. – 10. Schuljahr

Peter Dempf

Notgeld aus Geldnot

Von der Mangelwirtschaft zur Sammelidee

Sicher eine der häufigsten Sachquellen in den Schubladen der bundesdeutschen Bevölkerung sind Notgeld und Serienscheine der ersten Phase der Inflation zwischen 1916 und 1921. Zudem unterscheiden sie sich stark von den hohen Nominalwerten der Hyperinflation von 1922/23. Die strukturelle Ähnlichkeit der Scheine der ersten Phase, ihre ortsspezifische Gestaltung sowie ihre beinahe universelle Verfügbarkeit machen sie zur idealen Quellengattung für einen Unterricht mit historischem Lokalbezug.
Notgeld als Quelle
Bereits während des Ersten Weltkriegs begann die Bevölkerung, Münzen aus Edelmetall (Gold und Silber) zu horten, weil deren Materialwert den nominalen Wert überstieg. Auch der Staat benötigte das Edelmetall zur Kriegsfinanzierung und nahm es vom Markt. Daneben entzog die Kriegsindustrie zunehmend Buntmetalle wie Kupfer dem allgemeinen Umlauf. Münzen verschwanden daher aus den Geldbörsen. Das hatte auch nach dem Krieg noch einen starken Mangel an Kleingeld zur Folge, vor allem im regionalen Zahlungsverkehr.
Um die regionale Wirtschaft nicht zusammenbrechen zu lassen, schufen einige Gemeinden einen Ersatz: Notgeld. Neben Münzen aus billigem Metall wurden dafür vor allem Scheine aus Papier oder Textilien in Umlauf gebracht. Sie hatten meist einen Nominalwert von 5, 10, 25 und 50 Pfennigen, aber auch 1 oder 2 Mark, und eine zeitlich begrenzte Lebensdauer. Die Gemeinde garantierte die Rücknahme der Scheine und den Umtausch in gültige Zahlungsmittel zu einem festgesetzten Zeitpunkt.
Um die Akzeptanz der Scheine zu erhöhen, wurden diese bald besonders auffallend und ästhetisch ansprechend gestaltet und mit viel Lokalkolorit versehen. Die Geldscheine des sogenannten „Notgelds wurden daher schnell akzeptiert. Da es zwischen 1916 und 1921 kein Gesetz gab, das ein Fälschen oder Herstellen von Zahlungsmitteln verbot, begannen immer mehr Gemeinden, aber auch private Unternehmen, Vereine oder einzelne Geschäftsleute, solche Notgeldscheine herzustellen und zu vertreiben. Die wiesen oft einen eigenen künstlerischen Wert auf und wurden rasch zum begehrten Sammelobjekt.Zuerst wurden nur zurückgegebene Scheine an Sammler herausgegeben. Diese wurden oftmals wertlos gemacht, indem man Ecken abschnitt oder sie lochte. Die Hersteller druckten jedoch bald ganze Serien der Werte fünf, zehn, zwanzig, 25 und 50 Pfennige und ein und zwei Mark.
Zudem verfiel man auf den Trick, sie sogar erst nach dem Verfallsdatum auszugeben. So wurde die eigentliche Funktion ausgehebelt und der Sammelwert in den Vordergrund gestellt. Aus dem „Notgeld wurden „Serienscheine.
Der Staat akzeptierte das Vorgehen, schließlich handelte es sich einmal nur um geringe Werte im Pfennigbereich und zum anderen um eine Art kleine Extrasteuer, die in die Kassen der vom Krieg arg gebeutelten Gemeinden floss und diese so unterstützte. Das Verbot von Notgeldausgaben durch die Reichsregierung vom 17. Juli1922 und die Hyperinflation 1923 beendeten schließlich das Hoch des Notgelds.
Didaktische Überlegungen
Ausgangspunkt für die Stundeneinheit ist die Begegnung der Schülerinnen und Schüler mit einem Dachbodenfund (Abbildung1 ). Sie sollen sich zuerst einmal Gedanken darüber machen, wie man einen solchen Fund überhaupt angeht.
Gerade die häufig mit vielfältigem und höchst interessantem regionalem Bildmaterial gestalteten Scheine machen das Thema für den Unterricht attraktiv, da sie unmittelbar Lokalgeschichte vermitteln können. Sie lassen erkennen, wie eng die Region mit den historischen Großereignissen des Kriegsendes und der beginnenden Weimarer Zeit verbunden war und welche spezifischen Auswirkungen dies für die Bevölkerung hatte.
Auch die Sachquelle Notgeldschein muss zuerst dekonstruiert, sachgerecht analysiert und wieder in einen Kontext zurückgeführt werden. Erst dann kann ein Narrativ erstellt und in Umlauf gebracht werden. Schülerinnen und Schüler lernen also im...

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